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Citizen News: Weiteres regierungskritisches Online-Medium in Hongkong schließt

Von: Christina Braun
Menschen mit einen gelben Regenschirm und Protestplakaten auf einer Straße in Hongkong.
Aktivist:innen demonstrieren im Juli 2020 auf den Straßen von Hongkong gegen das Sicherheitsgesetz. – Alle Rechte vorbehalten IMAGO / ZUMA Wire

Das regierungskritische Online-Medium Citizen News hat am Sonntagabend (Ortszeit) seine Auflösung bekannt gegeben. Ab dem 4. Januar werde der Betrieb vollständig eingestellt, hieß es. Die Redaktion des prodemokratischen Mediums, das sich 2017 gegründet hatte, erklärte den Schritt damit, dass die Sicherheit der 40 Mitarbeitenden nicht mehr gewährleistet werden könne. In einer Erklärung auf Twitter hieß es: „Leider können wir unsere Überzeugungen nicht mehr angstfrei in die Tat umsetzen, weil sich die Gesellschaft in den letzten zwei Jahren stark verändert und sich das Umfeld für Medien zunehmend verschlechtert hat“.

Citizen News war 2017 von einer Gruppe erfahrener Journalist:innen ins Leben gerufen worden und finanziert sich hauptsächlich durch Spenden und Leser:innenabonnements. Mit mehr als 800.000 Followern in Online-Netzwerken zählt Citizen News zu den beliebtesten Nachrichtenangeboten Hongkongs. Das Medium bezeichnet sich selbst als unabhängig, überparteilich und als Förderer von Freiheit, Offenheit, Vielfalt und Inklusion. Citizen News hatte auch Journalist:innen von anderen Medien aufgenommen, die aufgelöst oder unter staatliche Kontrolle gestellt worden waren. Zuletzt waren Berichten von Hong Kong Free Press zufolge zehn ehemalige Journalist:innen vom Fernsehsender iCable News zu Citizen News gewechselt.

Mit der Auflösung von Citizen News verliert Hongkong ein weiteres unabhängiges Medium. Vor nicht einmal einer Woche, am 29. Dezember, hatten Hongkonger Behörden mit mehr als 200 Polizist:innen die Büros des Online-Mediums Stand News durchsucht und laut Berichten sechs ehemalige und aktuelle Mitarbeitende festgenommen. Daraufhin hatte das Online-Medium angekündigt, seine Arbeit einzustellen. Noch am selben Tag ging die Webseite des Medienunternehmens offline. Das Schicksal von Stand News habe letztlich den Ausschlag dafür gegeben, dass auch Citizen News ihre Arbeit einstellen, so der Chefredakteur und ehemalige Präsident der Hongkonger Journalistenvereinigung Chris Yeung.

„Totale Unterdrückung der Pressefreiheit“

Gegenüber Hong Kong Free Press erklärte der Leiter des Ostasienbüros von Reporter ohne Grenzen, Cédric Alviani, dass die Pressefreiheit in Hongkong einmal mehr unter Beschuss stehe: „Nach Apple Daily und Stand News ist Citizen News das dritte unabhängige Medienunternehmen, das der Einschüchterungs- und Polizeischikanen-Kampagne von Hongkongs Chief Executive Carrie Lam zum Opfer gefallen ist, deren Ziel die totale Unterdrückung der Pressefreiheit in dem Gebiet zu sein scheint.“

Bereits Mitte 2021 hatte die Redaktion des prodemokratischen Mediums Apple Daily ihre Arbeit einstellen müssen. Behörden hatten der größten vielgelesenen Oppositionszeitung in Hongkong vorgeworfen, gegen das sogenannte Sicherheitsgesetz verstoßen zu haben, und daraufhin die Konten des Mediums eingefroren und Angestellte festgenommen. Der Gründer von Apple Daily und Demokratieaktivist Jimmy Lai wurde mittlerweile zu einer Haftstrafe von dreizehn Monaten verurteilt und sitzt im Gefängnis.

Die kommunistische Führung in Peking hatte vor knapp eineinhalb Jahren das umstrittene Sicherheitsgesetz erlassen. Auslöser waren die anhaltenden Proteste für mehr Demokratie in Hongkong gewesen. Das Gesetz erlaubt es, Personen, die die chinesische Führung als „Terroristen, Subversive, Separatisten sowie Verschwörer mit ausländischen Mächten“ betrachtet, zu verhaften. Die vage Formulierung im Gesetzestext hat es für die Behörden erleichtert, gegen regierungskritische Aktivist:innen und Oppositionelle vorzugehen.

Mehr als 100 Aktivist:innen sind seitdem festgenommen worden. Viel sind aus Angst vor Verfolgung ins Ausland geflohen. Eine im November letzten Jahres veröffentlichte Umfrage unter Journalist:innen in Hongkong zeigt, dass fast die Hälfte der rund einhundert Befragten erwägt, die Stadt aufgrund der sich zunehmend verschlechternden Arbeitsbedingungen zu verlassen. 56 Prozent gaben an, sensible Themen in ihrer Berichterstattung zu vermeiden und in einem bestimmten Maß Selbstzensur zu betreiben. Peking wertete die Umfrage als „Einmischung“.

Nach der Schließung von Apple Daily hatten sich zahlreiche ausländische Pressevereinigungen wie auch die Journalist:innenvereinigung von Hongkong besorgt über den Zustand der Pressefreiheit in der Stadt geäußert. Die ehemalige britische Kolonie, die einst als Flaggschiff für Pressefreiheit galt, ist laut dem Weltpressefreiheitsindex der Nichtregierungsorganisation Reporter ohne Grenzen von Platz 18 im Jahr 2002 auf Platz 80 im Jahr 2021 zurückgefallen. Die Volksrepublik China hat sich in diesem Ranking von Platz 177 auf Platz 180 verschlechtert.


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Wochenrückblick KW51: Warme Weihnachtsgefühle und kalte Kommentare

Von: Christina Braun · Anna Biselli
Eine graue Eule sitzt auf einem Ast.
Huhu, liest da noch jemand? Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Dominik Van Opdenbosch

Was Jahr ist fast vorbei uns uns fehlen noch 153.011 Euro zu unserem Spendenziel. Falls ihr noch etwas übrig habt für kritische Berichterstattung ohne Werbung, Tracking und Paywall: Wann wäre ein besserer Tag als heute an Heiligabend? Und wenn nicht, erzählt gern trotzdem unterm Tannenbaum euren Lieben von uns. Und großes Danke an alle, die uns schon spenden und unterstützen. Ihr seid die besten Leser:innen, die wir uns vorstellen können!

Regierungskritische Stimmen in Gefahr

Weltweit werden Menschenrechtsaktivistinnen, Anwälte und Journalisten mit dem Staatstrojaner Pegasus ausgeforscht. Auch in Polen: Diese Woche wurde bekannt, dass der regierungskritische Rechtsanwalt Roman Giertych und die Staatsanwältin Ewa Wrzosek mit dem Staatstrojaner der NSO Group bespitzelt wurden. Nach Ungarn ist Polen das zweite EU-Land, in dem Oppositionelle mit Pegasus überwacht wurden. „Beide Opfer glauben, dass die polnische Regierung hinter dem Hack steht“, schreibt Markus Reuter. Was die die Sicherheitsbehörden des Landes zu den Vorwürfen sagen, lest ihr in seinem Bericht.

Auch Ägypten geht mit harter Hand gegen Oppositionelle und Aktivist:innen vor. Ein ägyptisches Staatssicherheitsgericht hat den berühmten Blogger und politischen Aktivisten Alaa Abd el-Fattah zu einer erneuten Gefängnisstrafe von fünf Jahren verurteilt. Ihm wird vorgeworfen, Falschnachrichten verbreitet zu haben. Mehrere Jahre seines Lebens hat Alaa Abd el-Fattah, der zu den wichtigen Gesichtern der arabischen Revolution von 2011 zählt, schon im Gefängnis verbringen müssen – eigenen Angaben zufolge unter Folter und in Einzelhaft. Zuletzt klagte er über gesundheitliche Probleme. Markus Reuter berichtet, warum die Familie jetzt um das Leben des Demokratie-Aktivisten bangt.

Amazon hat zwar keine Staatstrojaner installiert, um Oppositionelle auszuspionieren, kooperiert dafür aber mit chinesischer Propaganda. Wenn ein Buch des chinesischen Präsidenten Xi Jinping auf dem chinesischen Amazon verkauft wird, dann ist Kritik unerwünscht. Auf der chinesischen Webseite von Amazon ist die Möglichkeit zu Rezensionen auf Wirken des chinesischen Staates ausgeschaltet. Anders als andere Titel im Online-Laden hat das Buch bis heute keine einzige Bewertung. Markus Reuter erklärt, mit welchen Mitteln Amazon Pekings Gunst gewinnen will.

Das droht der Pornoindustrie

An Weihnachten geht der Pornokonsum traditionellerweise zurück. Kein Grund, nicht trotzdem über die Online-Anbieter und ihre Regulierer zu berichten: Erst Kamera an, Ausweis zeigen, dann Hose auf. So oder so ähnlich würden sich deutsche Jugendschützer:innen wohl eine wirksame Altersverifikation vor dem Online-Pornokonsum vorstellen. In einem Artikel-Trio berichtet Sebastian Meineck von den Plänen der Medienanstalten und erklärt, was den Pornoseiten wirklich droht.

Chris Köver kommentiert das Ganze: Während Kinder und Jugendliche nicht vor schlechten Erfahrungen geschützt werden, soll ein dystopischer Überwachungsapparat für Millionen Erwachsene entstehen. Jugendschützer:innen wollen Ausweiskontrollen vor Pornoseiten, und Netzsperren waren noch nie die Knaller-Idee, denn: „Netzsperren sind damit gleichzeitig sehr ernst und völlig albern. Ernst, weil autoritäre Staaten sich im Zweifel darauf berufen können, Deutschland mache das schließlich auch. Und albern, weil sie so leicht zu umgehen sind, dass jede:r horny Siebtklässler:in das technisch hinbekommt.“ Word.

Rezepte, aber nicht für Plätzchen

Wer im neuen Jahr ein Rezept von seiner Ärztin braucht, wird wohl auch weiterhin erstmal einen rosa Zettel statt einem QR-Code bekommen. Denn trotz großer Ankündigung wird das mit dem E-Rezept-Großrollout ab 1. Januar erstmal noch nix. Die Infrastruktur ist noch nicht so weit. Eine Meldung von Anna Biselli aus der Kategorie „Told you so!“.

Was (nicht nur) wir auch schon immer gesagt haben: Eine anlasslose Vorratsdatenspeicherung von Kommunikationsdaten ist nicht mit Grundrechten vereinbar. Regierungen haben in der Hinsicht zuverlässig auf Durchzug geschaltet und wurden nicht müde, nach Gerichtsurteilen eine Vorratsdatenspeicherung neu einzuführen. Unser neuer Justizminister Buschmann will den Überwachungszombie aber offenbar wirklich begraben, schreibt Markus Reuter. Wir sind gespannt, das wäre ja wie Weihnachten!

Aber wie sieht das eigentlich auf europäischer Ebene aus? Unser Brüssel-Experte Alexander Fanta bietet einen Ausblick aufs netzpolitische Jahr 2022 in der EU. Neben Vorratsdatenspeicherung mit dabei: ePrivacy, Chatkontrolle und das Recht auf Reparatur. Erstmals konkreter geworden sind die Pläne der EU-Kommission für einen Media Freedom Act. Es geht dabei unter anderem um mehr Transparenz bei Staatsgeld für Medien. Das Vorhaben soll unabhängigen Medien den Rücken stärken. Mehr Details soll es in den nächsten Monaten geben.

Transparenz mögen wir ja generell und so hat uns auch der Urheberrechtstransparenzreport von YouTube interessiert. Wir haben dazu einen Text von Paul Keller übersetzt. Er hat sich den Transparenzreport angeschaut und kommt zum Ergebnis: Die Befürchtung, dass es durch automatisches Filtern zu Overblocking kommt, ist berechtigt. Viele automatisierte Entscheidungen hielten einer manuellen Prüfung nicht stand.

Apropos Prüfung: Das Schweizer Recherche-Team von Reflekt hat sich die Wikipedia-Artikel von Politiker:innen im Alpenland vorgenommen und einige Auffälligkeiten gefunden. Sie entdeckten Interessenskonflikte und Löschversuche und haben das ganze im Wiki-Design aufbereitet. Anna Biselli fasst die Ergebnisse zusammen. Am Ende kommt Reflekt zum Ergebnis: „So ist die Wikipedia das, was sie vorgibt zu sein: Eine wahnsinnig umfangreiche und wertvolle Online-Enzyklopädie, von Laien und Experten:innen verfasst wird – mit allen damit verbundenen Vor- und Nachteilen“.

Weihnachtszeit ist Daddelzeit

Wer an den Feiertagen endlich mal wieder Zeit zum Spielen hat und dabei auf die Plattform Roblox stößt, sollte vorher den Bericht von Christina Braun lesen. Sie fasst die Kritik am Anbieter zusammen, der laut Journalist:innen und Jugendschützer:innen seine minderjährigen Nutzer:innen nicht ausreichend schützen soll.

Auf dem anderen Ende der Altersskala sind die Senior:innen, die in Rheinland-Pfalz als Digitalbotschafter:innen unterwegs sind. Sie helfen anderen älteren Menschen im Umgang mit Smartphones und Co. und nehmen ihnen bei Kaffee und Kuchen die Angst vor den Apps. Jana Ballweber hat mit einer Digitalbotschafterin gesprochen, es geht um WhatsApp und Wetter, um Notfalleinsätze auf dem Startbildschirm und digitale Haustüren, die man besser zuschließen sollte.

Wem dabei zu warm ums Herz wird, dem legen wir unsere Lesung der ätzendsten Kommentare des Jahres ans Herz. Mit solchen Zuschriften umzugehen, ist im Zeitalter der digitalen Gereiztheit eine eigene Kulturtechnik geworden. Wir zelebrieren sie Jahr für Jahr mit einer Inszenierung. Auch diesmal hat sich Constanze Kurz wieder vor dem virtuellen Kamin platziert.


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