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NGOs fordern: Ex-Meta-Lobbyistin soll nicht EU-Digitalgesetze aufweichen

Von: Tomas Rudl

Mit der finnischen EU-Abgeordneten Aura Salla soll eine ehemalige Meta-Lobbyistin maßgeblich am geplanten digitalen Regulierungsabbau in der EU mitwirken. Nun fordern mehrere Nichtregierungsorganisationen ihre Abberufung als Chef-Verhandlerin des EU-Parlaments.

Aura Salla (MEP)
Vor ihrer Wahl ins EU-Parlament im Sommer 2024 war die finnische EU-Abgeordnete Aura Salla Chef-Lobbyistin von Meta in Brüssel – nun soll sie über die Deregulierung im Digitalbereich mitbestimmen. – Alle Rechte vorbehalten IMAGO / Martin Bertrand

Die finnische EU-Abgeordnete Aura Salla ist in Brüssel bestens vernetzt. Vor ihrer Zeit im EU-Parlament war die konservative Politikerin dort Chef-Lobbyistin von Meta. Davor hatte Salla diverse Positionen in der EU-Kommission bekleidet, unter anderem war sie im Kabinett des damaligen Vize-Präsidenten Jyrki Katainen tätig.

Von der Politik in die Privatwirtschaft und wieder zurück: Das als „Revolving Door“ bekannte Phänomen sorgt immer wieder für Probleme, da es schnell zu Interessenskonflikten führt. Zumindest auf dem Papier ist die EU dagegen gewappnet: Ein detailliertes Regelwerk soll verhindern, dass Beamt:innen nahtlos von einer Rolle in die nächste schlüpfen und dabei etwa Kontakte und Wissen mitnehmen, das sie im neuen Job eigentlich nicht haben sollten.

Für Aura Salla könnte es deshalb nun eng werden. Eine Reihe zivilgesellschaftlicher Organisationen, darunter Corporate Europe Observatory (CEO), LobbyControl und Transparency International EU fordern in einem heute veröffentlichten offenen Brief an den Industrieausschuss (ITRE) im EU-Parlament, Salla von ihrer Rolle als Berichterstatterin für den sogenannten Digitalen Omnibus abzuberufen.

Unter diesem Begriff verhandelt die EU derzeit ein Gesetzespaket, mit dem die Digitalregulierung überarbeitet und entschlackt werden soll. Ziel sind vereinfachte Regeln, um die Wettbewerbsfähigkeit Europas zu verbessern. Kritiker:innen weisen darauf hin, dass mit dem Regulierungsabbau unter anderem das Datenschutzniveau empfindlich abgesenkt würde. Als eine der Berichterstatterinnen – und damit Verhandlungsführerinnen – des EU-Parlaments hätte Aura Salla dabei viel Einfluss auf das fertige Gesetz.

Ehemalige Meta-Lobbyistin mischt kräftig mit

„Die Ernennung einer ehemaligen Big-Tech-Lobbyistin, um Digitalgesetze zu überarbeiten und zu schwächen, wirft schwerwiegende Fragen hinsichtlich unzulässiger Einflussnahme auf den Gesetzgebungsprozess auf“, so die NGOs in ihrem Schreiben. Gerade Meta, zu dem Facebook, Instagram und WhatsApp gehören, steht bekanntlich mit Vorgaben wie jenen zum Datenschutz auf Kriegsfuß. Rund 2,5 Milliarden Euro an Geldbußen wurden dem Datenkonzern wegen wiederholter Vergehen in der EU auferlegt.

„Das Unternehmen hat ein starkes Interesse daran, die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) durch den Digitalen Omnibus zu schwächen, und kann seine engen Verbindungen zu Frau Salla nutzen, um dies zu erreichen“, warnen die NGOs. Tatsächlich habe sich Salla als Abgeordnete bereits mehrfach mit ihrem ehemaligen Arbeitgeber getroffen, unter anderem bei einem Lobbytreffen im September 2024 und einem weiteren im Januar 2025.

Bereits jetzt lässt sich am Omnibus-Entwurf der Kommission der Einfluss der Wirtschaft ablesen, wie eine gemeinsame Analyse von CEO und LobbyControl im Januar ergeben hatte. Mit Industrieforderungen praktisch deckungsgleiche Vorschläge durchziehen den gesamten Entwurf, der in der Leseart der NGOs einen „beispiellosen Angriff auf digitale Rechte“ darstellt. Zudem lese sich der Vorschlag wie eine Wunschliste ausgerechnet US-amerikanischer Tech-Konzerne, anstatt europäische Unternehmen zu stärken.

Voll auf Deregulierungslinie

Ähnliche Positionen wie die Tech-Konzerne vertritt auch Aura Salla. Die zur konservativen EVP-Fraktion gehörende Politikerin warnte etwa vor einem „Regulierungs-Tsunami“, fürchtet Überregulierung durch Gesetze wie den Digital Services Act und möchte Tech-Konzernen erlauben, Verkehrs- und Metadaten ihrer Nutzer:innen möglichst ungehindert zum Trainieren ihrer KI-Systeme verwenden zu können.

Nach ihrer Bestellung zur Berichterstatterin zeigte Salla auf, in welche Richtung sie den Digitalen Omnibus lenken will: „Jahrelang konzentrierte sich die EU auf die Regulierung ihrer eigenen Unternehmen, während China und die USA in Wachstum und technologische Entwicklung investierten. Das endlose Klicken durch Cookie-Einstellungen und die sich überschneidenden und unklaren Regeln für Unternehmen haben das Internet nicht sicherer gemacht, sondern das Wachstum europäischer Unternehmen gebremst. Europäische Unternehmen müssen endlich Priorität haben“, schrieb sie in einer Pressemitteilung.

Zugleich sieht Salla die EU nicht notwendigerweise in der Verantwortung: „Big Tech sollte in ihren Heimatkontinenten reguliert werden“, sagte sie Ende 2024 dem Magazin Wired. In vielen Fällen wären das die USA, so Salla – ein Land, das traditionell reichlich wenig von Regulierung hält, erst recht unter Präsident Donald Trump und seinen Tech-Oligarchen wie Mark Zuckerberg im Schlepptau. Indes schlägt Salla „Maßnahmen wie Zölle, Datenpreismechanismen oder eine Digitalsteuer für Unternehmen außerhalb der EU“ vor. Diese Ansätze dürften jedoch kaum im Digitalen Omnibus verhandelt werden.

Halb verdeckte Interessenkonflikte

Ein ungünstiges Licht auf Salla werfe zudem ihre Tendenz, „wiederholt potenzielle Interessenkonflikte zu verschleiern“, kritisieren die NGOs. So hatte sie etwa nicht offengelegt, Anteile an Rüstungsbetrieben zu halten, obwohl diese Transparenz EU-Abgeordneten ausdrücklich vorgeschrieben ist. Erst Berichterstattung des Online-Mediums Follow the Money hat sie letztlich gezwungen, ihre Aktien zu verkaufen.

Auch als Omnibus-Berichterstatterin sieht Salla keine Interessenskonflikte. In ihrer offiziellen Erklärung hierzu – eine Pflicht für Berichterstatter:innen – hat sie im Februar die einschlägige Frage verneint. Aus Sicht der NGOs verstößt sie damit gegen die Transparenzregeln, die für Abgeordnete gelten.

Auf Anfrage weist Salla die Vorwürfe zurück. Ab ihrem Eintritt in den Mutterschutz im Februar 2023 habe sie nicht mehr für Meta gearbeitet und seit ihrem endgültigen Abschied im Mai 2023 auch kein Geld bekommen, sagt Salla zu netzpolitik.org:„Selbstverständlich habe ich seit meinem Ausscheiden keine Zahlungen mehr von dem Unternehmen erhalten“. Im Zusammenhang mit der Berichterstatterrolle „habe ich keine laufende berufliche Tätigkeit, keine finanziellen Interessen und keine persönlichen Interessen, die einen Interessenkonflikt darstellen könnten“, sagt Salla.

Als Berichterstatterin wolle sie dem europäischen öffentlichen Interesse dienen und die Wettbewerbsfähigkeit Europas stärken, so die Abgeordnete. „Ich habe meine Ansichten zur Notwendigkeit der technologischen Souveränität der EU, zur Beseitigung der Abhängigkeit von amerikanischen Technologiekonzernen und zur Förderung europäischer Alternativen stets deutlich zum Ausdruck gebracht“, sagt die Finnin.


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KI und Datenschutz: Wo der Digitale Omnibus der EU gerade hinrollt

Von: Anna Ströbele Romero · Ingo Dachwitz

Unter Hochdruck will die EU Teile ihrer Digitalregulierung überarbeiten. Während der AI Act auf den letzten Metern noch um ein Verbot sexualisierter Deepfakes ergänzt werden könnte, treten beim Datenomnibus zwei wichtige EU-Institutionen auf die Bremse. Die neuesten Entwicklungen im Überblick.

Bild eines weißen Busses, durch den verschwommenen Hintergrund sieht es so aus, als würde er schnell fahren
Zumindest teilweise ist der „Digital Omnibus“ der EU mit hoher Geschwindigkeit unterwegs – Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Gen Pol

Am 19. November 2025 präsentierte die Europäische Kommission den sogenannten „Digitalen Omnibus“: Mit zwei Gesetzen will die EU ihre Digitalregulierung überarbeiten und auf einen Schlag zahlreiche bestehende Gesetze ändern. Die Kommission will mit dem Paket Regeln vereinfachen, Bürokratie abbauen und so die Wettbewerbsfähigkeit Europas steigern.

Das erste dieser Gesetze, das die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO), mehrere Datennutzungsgesetze und die Meldung von Cyber-Vorfällen betrifft, wird „Datenomnibus“ genannt. Das zweite Gesetz, welches die KI-Verordnung ändert, heißt „KI-Omnibus“. Für beide Vorhaben hat die Kommission ein hohes Tempo vorgegeben, die Änderungen sollen so schnell wie möglich beschlossen werden. Während dies beim KI-Omnibus, der unter anderem Teile der europäischen KI-Verordnung aufschieben soll, realistisch erscheint, dürften sich die Verhandlungen um den Datenomnibus deutlich länger hinziehen.

Sollen sexualisierte Deepfakes verboten werden?

Für den KI-Omnibus sind im Parlament zwei Ausschüsse verantwortlich: der Ausschuss für Binnenmarkt und Verbraucherschutz (IMCO) und der Ausschuss für bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres (LIBE). Daher gibt es in diesem Fall auch zwei federführende Abgeordnete, die sogenannten Berichterstatter:innen: Michael McNamara ist Teil der Fraktion der Liberalen, Arba Kokalari gehört der konservativen EVP an, zu der auch CDU/CSU gehören.

Sie haben am 4. Februar gemeinsam ihren ersten Berichtsentwurf vorgelegt. Dieser beschreibt, wie sie die KI-Verordnung im Vergleich zum Vorschlag der EU-Kommission verändern wollen. Die verantwortlichen Abgeordneten anderer Fraktionen, die sogenannten Schattenberichterstatter:innen, haben bis zum 12. Februar ihre Änderungswünsche vorgelegt. Diese sind noch nicht öffentlich.

Bekannt ist jetzt schon, dass derzeit diskutiert wird, ob die Erstellung von sexualisierten Deepfakes im Rahmen des Omnibusses verboten werden soll – und unter welchen Umständen. Nach dem Skandal um Elon Musks Chatbot Grok, mit dem Nutzer:innen unfreiwillige Nacktbilder von Frauen und Minderjährigen erstellt haben, gibt es dafür gerade viel politischen Willen, sowohl im Parlament als auch unter den Mitgliedstaaten. Wie ein solches Verbot ausgestaltet werden könnte, ist jedoch umstritten.

Bei den Verhandlungen wird auch diskutiert, wer die Verantwortung für KI-Schulungen haben soll – die Anbieter der KI-Systeme oder die Regierungen. Außerdem soll entschieden werden, ob die verschobenen Fristen für Hochrisiko-Systeme fest oder flexibel sein werden. Dass sie überhaupt verschoben werden, scheint unter den Verhandelnden niemand mehr anzufechten. Ein weiteres Thema ist die Zentralisierung der Aufsicht im KI-Büro der EU-Kommission und das KI-Training mit sensiblen Daten, um Verzerrungen zu vermeiden. Ebenfalls besprochen werden mögliche Ausnahmen im Transparenzregister für KI-Systeme.

KI-Omnibus könnte bald schon am Ziel sein

Bereits nächste Woche startet im Parlament die Verhandlung, deren Ziel ein finaler Bericht ist. Es ist vorgesehen, dass die beiden Ausschüsse am 18. März darüber abstimmen. Damit würde dann die Parlamentsposition stehen und wäre bereit für den sogenannten Trilog mit der EU-Kommission und den Mitgliedstaaten.

Letztere erarbeiten im Moment ebenfalls ihre Position im Rat der Europäischen Union. Derzeit finden die Gespräche auf Ebene der Arbeitsgruppe „Vereinfachung“ statt. Es gibt bereits zwei Entwürfe. Wenn der Text final ist, wird er an die Diplomat:innen im „Ausschuss der Ständigen Vertreter“ gegeben. Auf der höchsten Ebene ist der Rat für Allgemeine Angelegenheiten für den KI-Omnibus verantwortlich.

Das Steuer hat dabei die derzeitige Ratspräsidentschaft Zypern in der Hand. Sie hat bereits angekündigt, den KI-Omnibus mit Priorität zu behandeln. Und das nicht ohne Grund: Schließlich sollen im Omnibus die Fristen für Hochrisiko-KI-Systeme angepasst werden, die eigentlich ab dem 2. August 2026 gelten würden. Der Omnibus muss daher spätestens bis zu diesem Datum in Kraft treten.

Insgesamt scheinen sich Rat und Parlament beim KI-Omnibus bisher relativ einig zu sein. Sie tendieren in vielen Punkten dazu, zum ursprünglichen Text der KI-Verordnung zurückzugehen. Unterschiede gibt es selbstverständlich in den Details.

Institutionen warnen vor Datenomnibus

Unübersichtlicher und umstrittener ist die Lage beim Datenomnibus. Während die Zusammenlegung von Datennutzungsgesetzen oder die Vereinfachung der Meldewege bei IT-Sicherheitsvorfällen für relativ wenig Aufregung gesorgt haben, ist um die Datenschutzaspekte des Vorhabens eine heftige Debatte entbrannt.

De EU-Kommission behauptet weiter steif und fest, lediglich technische Änderungen vorgeschlagen zu haben, die das Datenschutzniveau in der EU nicht verändern würden. Inzwischen mehren sich jedoch die Stimmen, die sagen: Vorschläge wie eine erleichterte Nutzbarkeit von Daten für KI, Einschränkungen von Betroffenenrechten oder eine Änderung der Definition personenbezogener Daten würde an Grundpfeilern des Datenschutzes rütteln.

In diesen Chor hat sich vergangene Woche auch der Europäische Datenschutzausschuss (EDSA) eingereiht, in dem die nationalen Datenschutzbehörden der EU zusammenarbeiten. „Einige vorgeschlagene Änderungen geben Anlass zu erheblichen Bedenken, da sie das Schutzniveau für Einzelpersonen beeinträchtigen, Rechtsunsicherheit schaffen und die Anwendung des Datenschutzrechts erschweren können“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung des EDSA mit dem Europäischen Datenschutzbeauftragten Wojciech Wiewiórowski.

Ehemalige Meta-Lobbyistin verhandelt über Datenschutz

Zwar begrüße man einige Vorschläge, die zu tatsächlichen Vereinfachungen führen. Darunter falle etwa eine Anhebung des Risikoschwellenwerts, ab dem eine Datenschutzverletzung der zuständigen Datenschutzbehörde gemeldet werden muss, oder die Verlängerung der Frist für die Meldung von Datenpannen. Auch Vorschläge zu Vereinfachungen bei Cookie-Bannern begrüßen die Datenschützer:innen.

Deutlich länger ist jedoch die Liste der gravierenden Mängel, die die Datenschützer:innen ausmachen. Allen voran kritisieren die Behörden die vorgeschlagene Neudefinition personenbezogener Daten, die pseudonymisierte Daten unter Umständen von der DSGVO ausnehmen würde. Dazu heißt es von der Vorsitzenden des Europäischen Datenschutzausschusses, Anu Talus: „Wir fordern die beiden gesetzgebenden Organe jedoch nachdrücklich auf, die vorgeschlagenen Änderungen der Definition personenbezogener Daten nicht anzunehmen, da sie den Schutz personenbezogener Daten erheblich schwächen könnten.“

Was die beiden angesprochenen Organe, das Europäische Parlament und der Rat der Mitgliedstaaten, mit dem Input der Datenschutz-Expert:innen anfangen werden, ist derzeit noch ziemlich offen. Der Datenomnibus wird zwar in den legislativen Prioritäten für 2026 genannt, auf welche sich die drei EU-Institutionen Ende des Jahres einigten. Das bedeutet: Das Vorhaben soll eigentlich noch in diesem Jahr abgeschlossen werden. Eine Positionierung des Rates ist nach Auskunft von Beobachter:innen in den nächsten Monaten allerdings nicht zu erwarten.

Im Parlament stellt man sich ebenfalls auf langwierige und zähe Verhandlungen ein. Hier teilen sich auch beim Datenomnibus zwei Ausschüsse die Federführung. Während im LIBE-Ausschuss für Bürgerliche Freiheiten die Sozialdemokratin Marina Kaljurand Berichterstatterin für das Thema ist, hat im Industrieausschuss (ITRE) Aura Salla das Ruder übernommen. Die finnische Politikerin von der konservativen Europäischen Volkspartei war von 2020 bis 2023 Chef-Lobbyistin des US-Tech-Konzerns Meta in Brüssel. Mit Blick auf den Datenomnibus sagte sie im Januar auf einer Veranstaltung: „Wir müssen deregulieren, nicht nur vereinfachen.“


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Upgrade auf Python 3.10, Zeit die AUR-Pakete neu zu bauen

Von: Christoph Langner

Bei einer Rolling-Release-Distribution wie Arch Linux oder Manjaro spült es nicht nur immer wieder neue Programm- oder Kernel-Versionen in das System, sondern auch wichtige Bibliotheken und Systemkomponenten in deren neusten Ausgaben. So wie heute: Wer gerade das Pacman-Upgrade anwirft, dem installiert der Paketmanager zahlreiche Python-Pakete in der Version 3.10, die Anfang Oktober veröffentlicht wurde. Für Arch-Nutzer gibt es dabei im Endeffekt nicht viel zu beachten, vom Upgrade betroffene Pakete werden automatisch aktualisiert, habt ihr allerdings AUR-Pakete auf dem System, dann müsst ihr diese eventuell neu bauen.

Welche Pakete auf eurem System betroffen sind, ermittelt ihr über das Kommando pacman -Qoq /usr/lib/python3.9. Sollte das System hier ein oder mehrere Namen ausspucken, dann müsst ihr diese über euren AUR-Helper neu erstellen, um in Zukunft Fehler beim Ausführen der entsprechenden Anwendungen auszuschließen. Die schnellste und einfachste Methode dafür ist, die Liste an euren AUR-Helper zu übergeben. Beachtet dazu das zweite Kommando aus dem folgenden Listing. Tauscht den Aufruf des AUR-Helpers, hier paru, gegen das von euch genutzte Programm aus. Zur Kontrolle prüft ihr am Ende, ob es nun keine veralteten Programme mehr gibt.

$ pacman -Qoq /usr/lib/python3.9
chrome-gnome-shell
[...]
python-pympress
python-vlc
setzer
sunflower
$ pacman -Qoq /usr/lib/python3.9 | paru -S - --rebuild
$ pacman -Qoq /usr/lib/python3.9
Fehler: Kein Paket besitzt /usr/lib/python3.9

Die Aktion ist bei allen Systemen nötig, die auf Arch Linux aufsetzen und das AUR integrieren. Dazu gehören natürlich Arch Linux selbst sowie äußerst beliebte Derivate wie Manjaro, aber auch eher Exoten wie ArcoLinux, Chakra oder KaOS. Eine Liste der zahlreichen Arch-Linux-Derivate pflegt das Arch Wiki. Auch wird es nicht das letzte Mal sein, dass die Python-Anwendungen aus dem AUR neu gebaut werden müssen, da nächste Python-Update kommt bestimmt.

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Paru, Pacaur oder Yay? Der beste AUR-Helper?

Von: Christoph Langner

Das Open-Source-Universum rund um freie Software ist schier unüberschaubar geworden. Seit Jahrzehnten angewachsen, gibt es Programme für so gut wie jeden Zweck. Unter Linux lassen sich viele dieser Anwendungen über die Paketverwaltung komfortabel installieren und aktuell halten, doch keine Distribution integriert jede Software in ihre Repositories. Schon alleine die offiziellen Paketquellen unterscheiden zwischen Paketen, die direkt von den Entwicklern der Distribution betreut werden (Arch: Core und Extra, Ubuntu: Main) und Paketen, die von der Community gepflegt werden (Arch: Community, Ubuntu: Universe). In der Praxis macht das für den Nutzer der Distribution in der Regel jedoch kaum einen Unterschied.

Sehr neue Entwicklungen und gerade frisch gestartete Software-Ideen müssen hingegen entweder von Hand oder über aus von den Projekten betrieben Paketquellen integriert werden — wenn es denn überhaupt welche gibt. Nur Arch Linux geht hier wieder einen komplett eigenen Weg, das Arch User Repository oder kurz AUR vereinfacht die Installation fremder Software ganz wesentlich. Wer Arch Linux oder eines seiner Derivate wie etwa Manjaro noch nicht kennt, dem sagt das AUR vielleicht noch nichts: Im Vergleich zu herkömmlichen Paketquellen pflegt das AUR keine Binärpakete, sondern lediglich eine Sammlung von Kochrezepten, die dem System per Skript erklären, wie sich eine Software optimal in das Arch-System integrieren lässt.

Das Arch User Repository

Die dafür notwendige PKGBUILD-Datei (hier am Beispiel von Spotify) enthält Informationen, woher die Anwendung herunterzuladen und wie sie zu installieren ist, inklusive einer Reihe von Anpassungen, plus die benötigten Abhängigkeiten aus der Paketverwaltung. So lässt sich so gut wie jedes Programm ohne große Komplikationen installieren, egal ob es die Entwickler nur in Form des Quellcodes, über DEB- oder RPM-Pakete oder statisch gebaute Binaries bereitstellen. Unter Arch lassen sich so sehr einfach proprietäre Anwendungen wie Chrome oder Spotify installieren oder eben auch ganz neue Entwicklungen. Es braucht nur eine Person, die sich mit dem Schreiben einer PKGBUILD-Datei auskennt — und davon gibt es in der Arch-Linux-Community so einige.

Das Arch User Repository enthält selbst keine Software, sondern lediglich Kochrezepte zum Bauen von Paketen in Form von PKGBUILD-Dateien wie hier am Beispiel von Spotify.

Allerdings braucht es wie immer bei Fremdpaketen einen Disclaimer: Die Hürden Änderungen in das AUR einzubringen oder gar AUR-Pakete zu betreuen, sind im Vergleich zu denen in der Karriere eines offiziellen Arch-Entwicklers geringer. Von daher ist es durchaus möglich, dass Menschen mit schlechten Absichten Manipulationen oder gar Malware in das AUR einbringen. 2018 ist das bereits passiert, damals gab es einen Angriff auf den AUR-Eintrag des Acrobat Readers und zweier weiterer PKGBUILDs. Das AUR ist allerdings auch kein wilder Spielplatz für Bastler und Hacker, eine Gruppe von Trusted Users überwacht das Geschehen im AUR, korrigiert Fehler und leitet neue Beitragende an. In der Praxis lässt sich das AUR daher gut nutzen, zur Sicherheit sollte man allerdings immer mal in die PKGBUILD-Dateien sehen und kontrollieren, ob die Software zum Beispiel von den offiziellen Seiten des entsprechenden Projekts geladen wird.

AUR-Helper helfen im Alltag

Nun zurück zum Thema: Das AUR ist wie angesprochen kein Selbstläufer. Es enthält selbst keine Software oder fertige Pakete, sondern lediglich Skripte zum Bauen von Arch-Paketen. Der offizielle Installationsweg führt somit über das Auschecken der PKGBUILD-Datei aus dem Github-Repository des AUR, danach kontrolliert ihr die PKGBUILD und baut im letzten Schritt letztlich mit makepkg -si das Paket. Der Schalter -i am Ende installiert das am Ende erstellte Paket, dabei werden automatisch die im PKGBUILD definierten Abhängigkeiten aus der Paketverwaltung nachgezogen. Alle während dieses Prozesses heruntergeladenen und gebauten Daten braucht ihr am Ende nicht mehr, daher führte ich diese Schritte gerne im Ordner /tmp des Systems aus. Es sei denn, ich möchte die Daten auf anderen System wiederverwenden.

$ pacman -S --needed base-devel git
$ git clone https://aur.archlinux.org/spotify.git
$ cd spotify
$ less PKGBUILD  ### Mit [Q] beenden
$ makepkg -si

Es gibt viele Arch Nutzer, die generell diesen Weg gehen, so behalten sie die volle Kontrolle über den Vorgang. Allerdings gibt es spätestens dann beim Bauen der AUR-Pakete Probleme, wenn diese selbst zusätzliche Pakete aus dem AUR benötigen. Benötigen diese zusätzlichen Pakete wieder andere Pakete aus dem AUR, wird es arg kompliziert. Aus diesem Grund gibt es eine Reihe von Programmen, AUR-Helper genannt, die den Nutzer bei der Installation von AUR-Paketen unterstützen. Sie automatisieren die oben genannten Schritte und lösen Abhängigkeiten automatisch auf, sodass sich die Installation von Paketen aus dem AUR oft nicht anders anfühlt, als die Installation von Software aus den offiziellen Paketquellen. In der Regel übernehmen die AUR-Helper sogar die Syntax des Arch-Linux-Paketmanagers Pacman.

### AUR-Helper wie Yay oder Pacaur erleichtern die Arbeit
### mit Software aus dem Arch User Repository:
$ yay -S spotify
$ pacaur -S spotify
$ paru -S spotify
### Beim Update kann man sich das 'pacman -Syu' sparen.
### Die AUR-Helper übernehmen die Syntax von Pacman und
### rufen neben den eigen Update auch die aus der Paket-
### verwaltung ab.
$ yay -Syu
$ pacaur -Syu
$ paru -Syu

In der Geschichte der AUR-Helper gibt es immer mal wieder ein hin und her. Bis vor ein paar Jahren war Yaourt (Yet another AUR Helper) das Maß aller Dinge: Das Programm war das einzige, das AUR-Abhängigkeiten automatisch auflöste und vor allen Dingen alle Interaktionen mit dem Nutzer vor dem Build-Vorgang klärte, sodass das eigentliche Bauen später ohne Unterbrechungen in einem Rutsch erfolgte. Eine große Erleichterung, da das Bauen manche Pakete durchaus längere Zeit in Anspruch nimmt, besonders wenn diese aus dem Quellcode kompiliert werden. Doch mit der Version 1.9 stellte der Yaourt-Entwickler seine Arbeit ein, wodurch Pacaur zum Liebling der Nutzer wurde. Bis auch hier wieder der Entwickler goodbye sagte und Yay der Quasi-Standard wurde, auch wenn Pacaur inzwischen einen neuen Betreuer gefunden hat. Aktuell liegt Paru in der Gunst der User am höchsten und liegt im AUR-Ranking ganz vorne.

Ein Mix an AUR-Helfern hilft

Was ist allerdings immer wieder merke: Kein AUR-Helper ist perfekt. Yay erhält zum Beispiel regelmäßig Updates (zuletzt erschien das Update auf Yay 11.0.2 Mitte Oktober 2021), doch ich stelle immer wieder fest, dass das Programm in bestimmten Situationen scheitert. Aktuell bricht Yay zum Beispiel das Bauen von Spotify ab, da Prüfsummen nicht stimmen würden. Von Hand oder mit Pacaur lässt sich das Spotify-Paket jedoch ohne Probleme erstellen. Zudem wird Yay in Go entwickelt, das auf der Festplatte bald 500 MByte belegt (Tipp: Yay über das Binary yay-bin installieren). Auf einem schlanken System würde ich daher eher zu Paru oder Pacaur greifen. Letzteres hat aber auch wieder den Nachteil, dass die Entwicklung trotz eines neuen Projektbetreuers eher still steht. Die letzte Version ist vor über zwei Jahren freigegeben worden.

$ yay -S spotify
[...]
grep: spotify-1.1.72.439-Release: No such file or directory
sha256sum: spotify-1.1.72.439-x86_64-Packages.sha256: no properly formatted checksum lines found
==> ERROR: A failure occurred in prepare().
    Aborting...
 -> error making: spotify
Es passiert auf meinem System nicht das erste Mal, dass Yay einen Fehler beim Bauen eines AUR-Pakets auswirft und den Vorgang ohne Erfolg abbricht.

Ideal ist es daher in meinen Augen einen Mix an AUR-Helpern auf einem Arch-System bereitzuhalten und bei Fehlern im Build-Prozess erst einmal einen anderen AUR-Helfer zu testen, bevor man sich auf die Fehlersuche begibt oder gar einen Kommentar unter dem AUR-Eintrag im Repository hinterlässt. Bei mir hat schon mehrmals Yay einen Fehler ausgespuckt, während Pacaur ohne Problem das PKGBUILD abarbeitete und anders herum. Ich persönlich empfehle schon alleine aufgrund des schlankeren Unterbaus generell Paru und Pacaur, wobei Paru euer Hauptprogramm sein sollte — nicht ohne Grund ist Paru das am häufigsten installierte Paket aus dem AUR. Pacaur spielt bei mir die zweite Geige, ist aber immer ein gutes Backup. Yay versuche ich inzwischen zu vermeiden, auch wenn das Kommando yay -Syu bei mir im Gedächtnis eingebrannt ist.

### Installation von Paru
$ sudo pacman -S --needed base-devel
$ git clone https://aur.archlinux.org/paru.git
$ cd paru
$ makepkg -si
### Installation von Yay:
$ pacman -S --needed base-devel git
$ git clone https://aur.archlinux.org/yay.git
$ cd yay
$ makepkg -si
### Alternativ Yay als Binary:
$ git clone https://aur.archlinux.org/yay-bin.git
$ cd yay-bin
$ makepkg -si
### Installation von Pacaur:
$ pacman -S --needed base-devel git
$ git clone https://aur.archlinux.org/pacaur.git
$ cd pacaur
$ makepkg -si
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