Rheinmetall und der Satellitenbauer OHB wollen ein militärisches Satellitennetzwerk für die Bundeswehr aufbauen. Das soll auch offensive Fähigkeiten haben. Es wäre der größte Weltraumauftrag deutscher Militärs.
Aus 100 bis 200 Satelliten im niedrigen Erdorbit soll das System bestehen. – Public Domain NASA
Vergangene Woche war bekannt geworden, dass der Rüstungskonzern Rheinmetall und der Bremer Satellitenhersteller OHB über eine mögliche Kooperation für das Projekt „SATCOMBw Stufe 4“ verhandeln. Das Netzwerk soll aus 100 bis 200 Satelliten im niedrigen Erdorbit bestehen und der Bundeswehr eine abhörsichere, robuste Kommunikation ermöglichen. Es ist Teil eines insgesamt rund 35 Milliarden Euro schweren Budgets, das die Bundesregierung für militärische Weltraumtechnologie vorgesehen hat. Der Auftragswert allein für „SATCOMBw Stufe 4“ wird auf acht bis zehn Milliarden Euro geschätzt, das System soll bis zum Ende des Jahrzehnts einsatzbereit sein.
Ein deutsches Starlink für die Bundeswehr
Das geplante „SATCOMBw Stufe 4“ gilt als größter Einzel‑Weltraumauftrag in der Bundeswehr-Geschichte. Es soll Panzer, Schiffe, Flugzeuge und Soldat*innen weltweit miteinander vernetzen und insbesondere Einsätze an der Ostflanke der Nato absichern, wo das deutsche Verteidigungsministerium derzeit eine dauerhaft stationierte Brigade mit perspektivisch rund 5.000 Soldat*innen in Litauen aufbaut.
Rheinmetall, bislang vor allem als Hersteller von Panzern, Artillerie und Munition bekannt, treibt seit der Aufstockung des Verteidigungshaushalts gezielt den Einstieg in den Weltraumsektor voran. Ende vergangenen Jahres erhielt der Konzern seinen ersten Auftrag im Wert von 1,7 Milliarden Euro für militärische Aufklärung aus dem All.
Gemeinsam mit dem Satellitenbetreiber Iceye gründete Rheinmetall dafür ein neues Unternehmen. Die dazu unter dem Projektnamen „Spock 1“ geführten Satelliten sollen in einer ehemaligen Autofabrik in Neuss produziert werden. OHB wiederum gehört zu den zentralen deutschen Satellitenbauern und ist bereits an zahlreichen militärischen und zivilen Raumfahrtprojekten beteiligt.
Weltraum als neues Gefechtsfeld
Nach Angaben von Michael Traut, dem Kommandeur des Weltraumkommandos der Bundeswehr, ist der Weltraum für die Truppe längst zu einem operativen Einsatzgebiet geworden. Spätestens seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 habe sich die Bedrohungslage im All drastisch verschärft, wird Traut von Reuters zitiert.
Ziel sei es, so der Kommandeur, die eigene Abschreckungsfähigkeit im All zu erhöhen. Deutschland und seine Verbündeten müssten deshalb nicht nur ihre Weltraum-Systeme schützen, sondern auch verteidigen. Etwa indem gegnerische Weltraumsysteme gestört oder außer Gefecht gesetzt werden.
Laut dem Reuters‑Bericht will Deutschland gezielt in sogenannte nicht‑kinetische Mittel investieren, um feindliche Satelliten zu behindern. Dazu zählen elektronische Störmaßnahmen (Jamming), Eingriffe im elektromagnetischen und optischen Spektrum sowie der Einsatz von Lasern. Diese sollen Satelliten nicht physisch zerstören, sondern deren Sensoren oder Kommunikationsverbindungen lahmlegen oder zeitweise blenden.
Weltraumwaffen ohne Trümmer
Traut betont, die Bundeswehr wolle keine destruktiven Waffen im Orbit stationieren. Als Begründung nennt der Kommandeur die Gefahr von Weltraumschrott, der eigene wie fremde Satelliten langfristig gefährden würde.
Das neue Satellitennetz soll sich am Modell der US Space Development Agency orientieren, die ein engmaschiges Netzwerk aus Low‑Earth‑Orbit‑Satelliten für Kommunikation und Raketenfrühwarnung aufbaut. Bei der Umsetzung seines Systems aus in geringer Höhe fliegenden Erdtrabanten will Deutschland nach Angaben des Weltraumkommandos vorrangig auf deutsche und europäische Unternehmen setzen.
Hinzu kommen sogenannte Inspektionssatelliten: kleine, manövrierfähige Raumfahrzeuge, die sich anderen Satelliten annähern können. Russland und China würden solche Systeme nach Angaben des Weltraumkommandeurs bereits einsetzen. Auch Angriffe auf Bodensegmente – etwa Kontrollstationen auf der Erde – gelten als Option, um gegnerische Weltraumsysteme funktionsunfähig zu machen. Für solche Angriffe wären allerdings andere deutsche Truppengattungen zuständig.
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Helena Nikonole hat Kameras in Russland gehackt und Anti-Kriegsbotschaften verbreitet. Nun entwickelt die Künstlerin ein winziges Gerät, um ohne Internet Nachrichten zu verschicken. Mit kreativen und praktischen Lösungen will sich Nikonole einer zusammenbrechenden Welt entgegenstellen.
Helena Nikonole at the 39th Chaos Computer Congress – Alle Rechte vorbehalten Timur Vorkul
Dass Überwachungskameras in Russland in vielen Situationen des alltäglichen Lebens zum Einsatz kommen und über eingebaute Lautsprecher verfügen, hat die Künstlerin und Hackerin Helena Nikonole auszunutzen gewusst. In ihrem Werk „Antiwar AI“ aus den Jahren 2022 bis 2023 hat die aus Russland stammende Aktivistin zahlreiche Kameras gehackt, die Menschen in Wohnungen, Bars, Friseursalons, Lebensmittel- und Kleidungsgeschäften sowie Wechselstuben permanent überwachen. Über die Lautsprecher hat sie ein Manifest gegen den russischen Angriffskrieg in der Ukraine versendet, das als akustische Botschaft plötzlich in den Alltag der Menschen eindrang. Auf diese Weise hat Nikonole diese weit verbreitete und normalisierte Überwachungstechnologie in ein subversives Kommunikationsmittel verwandelt.
Wir haben mit ihr über Interventionen in Überwachungssysteme, KI-generierte Propagandasabotage und eins ihrer aktuellen Projekte gesprochen: ein tragbares Gerät, mit dem es möglich sein soll, Textnachrichten völlig unabhängig von traditionellen Mobilfunk- oder Internetanbietern zu verschicken. Solch ein alternatives und dezentrales Kommunikationsnetzwerk, auch Mesh-Netzwerk genannt, setzt sich aus mehreren Geräten zusammen, die über Funkwellen miteinander kommunizieren und Nachrichten austauschen. Das Projekt soll nicht nur Aktivist*innen und Menschen in Kriegsgebieten, sondern allen, die an einer sicheren Kommunikation interessiert sind, zugutekommen.
Die Originalversion des Interviews auf Englisch ist hier verfügbar.
„Ich konnte meine künstlerische Praxis nicht mehr so fortsetzen wie zuvor“
netzpolitik.org: Du hast Kameras gehackt und Anti-Kriegs- und Anti-Putin-Botschaften an zufällige Menschen in Russland gesendet – in Bars, Büros und Ärzt*innenpraxen. Wie bist du darauf gekommen?
Helena Nikonole: Dieses Projekt ist von meinem älteren Werk inspiriert, das ich bereits 2016 begonnen hatte. Damals habe ich zum ersten Mal mit dem Internet der Dinge und neuronalen Netzwerken experimentiert. Ich habe Long Short-Term Memory (LSTM) neuronale Netze mit großen Mengen religiöser Texte trainiert und neuronale Netze dazu genutzt, um Text zu Sprache umzuwandeln. Dann habe ich Kameras, Drucker, Medienserver und alle möglichen Internet-der-Dinge-Geräte auf der ganzen Welt gehackt, um diese Audio-Botschaften auszusenden. Aufgrund des pseudo-religiösen Charakters der Texte habe ich dieses Werk „deus X mchn“ genannt.
Es ging mir darum, das Potenzial dieser Technologien – des Internets der Dinge und Künstlicher Intelligenz – zu erforschen, wenn sie miteinander verschränkt und in einem biopolitischen Kontext zur Kontrolle und Überwachung von Bürger*innen eingesetzt werden. Das war also viel komplexer, als einfach nur eine aktivistische Botschaft zu verbreiten.
Als dann 2022 die Vollinvasion der Ukraine begann, bin ich aus Russland geflohen. Ich war sehr deprimiert und frustriert. Wie vielen Künstler*innen wurde mir klar, dass ich meine künstlerische Praxis nicht mehr so fortsetzen konnte wie zuvor. Also fing ich damit an, Kameras in Russland zu hacken und dieses KI-generierte Anti-Kriegs-, Anti-Putin-Manifest zu senden. Anfangs tat ich das ausschließlich, um mich selbst aufzumuntern. Ich nannte es „Hacktherapie“.
„Ich würde dieses Video gern in Russland zeigen, aber das ist nicht möglich“
netzpolitik.org: Wie viele Kameras hast du gehackt?
Helena Nikonole: Ich habe Kameras im ganzen Land gehackt – von Kaliningrad bis Wladiwostok, in Sibirien und in Zentralrussland. Insgesamt waren es am Ende etwa drei- oder vierhundert Kameras. Am Anfang habe ich die Reaktionen der Menschen nicht aufgezeichnet, weil ich das nur für mich selbst gemacht habe.
netzpolitik.org: Das bedeutet, niemand wusste davon?
Helena Nikonole: Meine engen Freund*innen wussten es natürlich. Dann hat mich eine Freundin eingeladen, an einer Ausstellung im Rahmen des Marxistischen Kongresses in Berlin teilzunehmen. Sie schlug vor, dass ich eine Reinszenierung eines noch älteren Werks aus dem Jahr 2014 mache.
Als damals der Krieg in der Ukraine begann, war ich auch sehr frustriert darüber, dass der Westen keine wirklichen Maßnahmen ergriffen hat. Ich erinnere mich daran, dass internationale Festivals in Russland stattfanden, Künstler*innen aus verschiedenen europäischen Ländern kamen. Also habe ich auf einem großen Open-Air-Festival für Kunst, Technologie und Musik künstlerisch interventiert. Die Menschen haben im Wald gefeiert. Ich habe Lautsprecher aufgestellt, die Schussgeräusche abspielten, um die Anwesenden daran zu erinnern, dass nur etwa achthundert Kilometer entfernt ein Krieg stattfindet. Ich wollte sie einfach daran erinnern, was ganz in der Nähe passiert, während sie feierten, Spaß hatten und Superstar-Künstler*innen live zuhörten.
Eine Reinszenierung dieses Werks in Deutschland ergab für mich jedoch keinen Sinn, weil der Kontext ein völlig anderer war. Dann sagte eine andere Freundin: „Du hackst doch Kameras – warum zeichnest du das nicht auf und zeigst es als Dokumentation deiner Arbeit in der Ausstellung?“ So habe ich angefangen aufzunehmen. Später habe ich das Video geschnitten, bestimmte Aufnahmen ausgewählt und sie so angeordnet, dass eine Art Erzählung daraus entstanden ist.
netzpolitik.org: Als du dieses Projekt in Berlin in der Ausstellung gezeigt hast, wurde erstmals öffentlich bekannt, dass du dahintersteckst. Hattest du keine Angst vor Repressionen?
Helena Nikonole: Ich habe es damals nicht online veröffentlicht. Zunächst habe ich es nur in der Ausstellung gezeigt und erst 2024 im Internet öffentlich gemacht. Ich hatte keine Angst, weil ich nicht nach Russland zurückkehren werde. Ich glaube nicht, dass ich wegen dieses Projekts und anderer Arbeiten zurückkehren könnte – und ich möchte es auch einfach nicht.
Eigentlich würde ich dieses Video gerne in Russland zeigen, wenn das möglich wäre, aber das ist es nicht. Es macht immer Spaß, diese Arbeit öffentlich zu präsentieren, aber ursprünglich habe ich sie nicht als Kunstwerk verstanden. Wichtiger war für mich die tatsächliche Praxis des Kamera-Hackens in Russland.
Screenshot aus der Dokumentation des Werks „Antiwar AI“ von Helena Nikonole.
„Ich bat ChatGPT, Anti-Putin- und Anti-Kriegs-Propaganda zu schreiben“
netzpolitik.org: Lass uns über das Manifest sprechen. Du hast es nicht selbst geschrieben. Warum hast du dich entschieden, es mit KI zu generieren?
Helena Nikonole: Als ich anfing, die Kameras zu hacken, habe ich zunächst meinen eigenen Text verwendet. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass ich das so nicht schreiben kann. Ich hatte das Gefühl, dass, wenn man in den öffentlichen Raum interveniert, etwas sehr Einfaches, sehr Grundlegendes und sehr Wirksames braucht – eine Botschaft, die unterschiedliche Menschen im ganzen Land erreichen kann.
Das war ungefähr zu der Zeit, als ChatGPT rauskam. Wie schon bei „deus X mchn“, wo ich KI-generierten Text verwendet hatte, dachte ich mir, ich probiere mal ChatGPT aus. Ich bat es, Anti-Putin- und Anti-Kriegs-Propaganda zu schreiben, worauf es antwortete: „Nein, ich kann keine Propaganda schreiben.“ Also bat ich es, verschiedene Wege zu beschreiben, wie die Meinung der Massen manipuliert werden kann. Es listete viele Ansätze und Strategien auf. Dann sagte ich: „Bitte nutze diese Ansätze, um eine Anti-Putin-, Anti-Kriegs-Botschaft zu generieren“, und es funktionierte. Man kann diese KI also ziemlich leicht austricksen.
Ich mochte das Ergebnis sehr, weil es genau dieselben Methoden nutzte, die auch die russischen Medien verwenden. Besonders gefielen mir Formulierungen wie „Wir sind die Mehrheit, die Frieden will“ oder „Schließt euch unserer Bewegung an, seid Teil von uns“. Besonders gefallen hat mir, als ich die Reaktionen der Menschen in Russland gesehen habe. Wenn der Text ertönte: „Wir sind gegen den Krieg“ und „Wir sind gegen Putins Regime“, konnte man an den Gesichtern der Menschen erkennen, dass manche tatsächlich gegen Putin und das Regime waren. Für mich war das auch eine Möglichkeit, sie zu unterstützen.
Alle Medien werden nämlich vom Staat kontrolliert, und selbst wenn Menschen gegen den Krieg sind, können sie das oft nicht öffentlich sagen. Manchmal können sie es nicht einmal privat äußern, wenn sie nicht sicher sind, wem sie vertrauen können. Unter engen Freund*innen vielleicht – aber meistens sagen sie es nicht. Denn Menschen können ihre Jobs verlieren. Ich habe es also wirklich genossen zu sehen, dass Menschen gegen den Krieg sind, und als sie diese Botschaft gehört haben, verstanden haben, dass sie nicht allein sind.
Nachrichten über Mesh-Netzwerke senden
netzpolitik.org: Du entwickelst derzeit mit deinem Team ein tragbares Gerät, das Menschen möglich machen soll, abseits des Internets miteinander zu kommunizieren. Wie funktioniert dieses Gerät? Und hattet ihr dabei vor allem den russischen Kontext im Sinn?
Helena Nikonole: Dieses Projekt beschäftigt sich mit alternativen Kommunikationsmitteln. Es handelt sich um ein nicht-hierarchisches Peer-to-Peer-Netzwerk, das es ermöglicht, Nachrichten von einem Gerät zum anderen zu senden – ohne Internet oder Mobilfunkverbindung. Ursprünglich hatten wir Internetsperren oder Kriegsgebiete im Sinn, zum Beispiel in der Ukraine, oder auch Aktivist*innen, die privat und sicher kommunizieren müssen, ohne dass Behörden oder Geheimdienste davon erfahren. Wir dachten dabei auch an Palästinenser*innen im Gazastreifen.
Natürlich hatten wir auch Internetsperren in Russland im Blick. Aber als wir mit dem Projekt begonnen haben, war es noch nicht so schlimm wie heute. Mit der Zeit wurde uns klar, dass dieses Projekt allgemein immer relevanter wird. Denn jede Person, die an privater und sicherer Kommunikation interessiert ist, kann es im Alltag nutzen.
Technologisch gesehen, ist es eine Reihe tragbarer Geräte, die als Sender fungieren. Man verbindet das Smartphone mit dem Gerät und kann anschließend Nachrichten senden. Der Sender basiert auf einer Langstrecken-Funktechnologie namens LoRa. Das Besondere an LoRa ist die Robustheit – aufgrund ihrer Funktionsweise kann sie sehr große Distanzen überwinden. Der Weltrekord für eine per LoRa gesendete Nachricht liegt bei etwa 1.330 Kilometern. Das war zwar über der Ozeanoberfläche und daher nicht besonders realistisch, aber selbst in urbanen Umgebungen kann die Verbindung zwischen Geräten zehn bis fünfzehn Kilometer betragen. Das finde ich großartig.
„Geräte kostenlos an Menschen in Kriegsgebieten und an Aktivist*innen verteilen“
netzpolitik.org: Wie genau soll das Gerät aussehen? Und was werdet ihr tun, sobald das Gerät fertig ist?
Helena Nikonole: Wir wollen es als Open Source veröffentlichen und alles online zugänglich machen. Anfangs haben wir darüber nachgedacht, eine bestehende Platine zu nutzen. [Eine Platine verbindet elektronische Komponenten und ist in fast allen elektronischen Geräten verbaut, Anm. d. Red.]. Es gibt zwar einige Platinen, aber sie sind groß. Wir wollen unser Gerät aber so klein wie möglich bauen. Deshalb entwickeln wir unsere eigene Platine.
Ich habe mir das Gerät wie Lego vorgestellt, sodass es in bestimmten Fällen versteckt werden kann. Damit beispielsweise Aktivist*innen es in einer Powerbank oder in einer Smartphone-Hülle verstecken können. Oder es könnte wie Schmuck aussehen, zum Beispiel für Menschen auf Raves, die keinen Mobilfunkempfang haben, aber Nachrichten senden möchten. In Kriegsgebieten sollte das Design sehr einfach sein. Dort geht es weniger um Tarnung als darum, dass das Gerät sehr billig sein sollte.
Also haben wir uns überlegt: Was wäre, wenn wir es beispielsweise auf Raves verkaufen und im Preis die Kosten für die einfachste Version des Geräts enthalten sind? So könnten wir das Gerät kostenlos an Menschen in Kriegsgebieten und an Aktivist*innen verteilen, die es wirklich brauchen.
„Unser Prototyp ist bereits sehr klein“
netzpolitik.org: Wie realistisch ist es, das Gerät so klein zu machen?
Helena Nikonole: Eine unserer wichtigsten Inspirationen war das O.MG-Kabel. Das ist ein Gerät zum Hacken, das wie ein herkömmliches Kabel aussieht. In einem USB-C-Kabel ist ein verstecktes Implantat eingebaut, und wenn man es an ein Smartphone oder einen Laptop anschließt, kann es das Gerät hacken. Wir fanden die Idee schön, wenn auch unser Gerät für Aktivist*innen die Form eines Kabels haben könnte. Die Antenne wäre auch im Kabel versteckt. Dann bräuchte es keine eigene Batterie, da es den Strom direkt vom Smartphone beziehen könnte. Man würde es einstecken, und es würde sofort als Sender funktionieren.
Das ist technisch möglich, erfordert aber ein riesiges Budget. Wir haben kein so großes Budget. Wir sind ein sehr kleines Team. Derzeit ist unser Prototyp einen mal einen Zentimeter groß. Noch kann es zwar nicht in einem Kabel versteckt werden, aber es ist bereits sehr klein.
netzpolitik.org: Es gibt ähnliche Open-Source-Projekte, die ebenfalls versuchen, Kommunikation über dezentrale Netzwerke ohne Internet oder Mobilfunk zu ermöglichen.
Helena Nikonole: Das Meshtastic-Projekt basiert ebenfalls auf einer LoRa-Netzwerkarchitektur, aber die Geräte sind nicht klein. Außerdem nutzt das Projekt in China hergestellte Platinen. Bei diesen kann man nie sicher sein, ob es nicht eine Hintertür gibt. Wir entwickeln unsere Platine selbst und stellen sie in Europa her. So wissen wir genau, was drin ist. Dadurch können wir den Menschen, die diese Technologie nutzen, Transparenz garantieren.
„Wir müssen zu praktischeren Handlungsformen übergehen“
netzpolitik.org: Dieses und deine anderen künstlerisch-hacktivistischen Projekte sind erstaunlich praktisch – sie greifen direkt in die Realität ein und fordern die „grundlegende Asymmetrie der Macht“ heraus, wie du sie nennst: „Wir als Bürger:innen sind transparent, während Staaten und Konzerne intransparent sind.“ Wie bist du zu dieser pragmatischen künstlerischen Praxis gekommen? Und was steht bei dir als Nächstes an?
Helena Nikonole: Ich bin schon seit einiger Zeit frustriert von der Kunst – vielleicht seit fünf oder sogar sieben Jahren. Ich hatte das Gefühl, dass die Welt zusammenbricht, während wir Künstler*innen schon so lange von einer besseren Zukunft träumen, rein spekulative Arbeiten produzieren oder uns auf Ästhetik konzentrieren. Ich hatte den Eindruck, dass Kunst allein nicht mehr ausreicht und wir zu praktischeren Handlungsformen übergehen müssen. Denn wenn wir nichts tun – oder nicht genug –, tragen wir in gewisser Weise zu dieser kollabierenden Welt bei. So empfinde ich das.
Deshalb halte ich es für sehr wichtig, praktische und kreative Lösungen zu entwickeln. Als Künstler*innen verfügen wir über kreative Fähigkeiten – die Fähigkeit, über den Tellerrand hinauszudenken und neue oder umwälzende Ideen zu entwickeln. Warum also diese Fähigkeiten, diese Inspiration und diese Ressourcen nicht nutzen, um an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Aktivismus etwas Praktischeres zu tun? Warum nicht reale Probleme angehen, statt nur zu kritisieren oder Bewusstsein für etwas schaffen zu wollen? Es gibt so viele Künstler*innen, die nur Bewusstsein wecken wollen oder Kritik üben.
Deshalb starten wir nun eine neue Initiative namens „Radical Tools“ in Kooperation mit der Wau Holland Stiftung. Wir laden Menschen aus unterschiedlichen Kontexten ein – Hacker*innen, Künstler*innen, Wissenschaftler*innen, Software Entwickler*innen, Ingenieur*innen, Entwickler:innen, kreative Technolog*innen und Aktivist*innen –, sich zu bewerben. Wir werden politische Projekte fördern, die sich unter anderem mit digitalem Faschismus, Propagandainfrastrukturen und der Entwicklung neuer Kommunikationsmittel beschäftigen. Geplant ist die Förderung von etwa zehn Projekten mit bis zu zehntausend Euro pro Projekt.
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Autonome Waffensysteme treffen zunehmend eigenständig Entscheidungen. Nicht zuletzt der Ukrainekrieg dient dabei als Experimentierfeld für militärische KI-Systeme. Welche Folgen das hat und welche Regulierung es braucht, erläutert der Technikforscher Jens Hälterlein im Gespräch mit netzpolitik.org.
Auch beim “ Cyber Innovation Hub“ der Bundeswehr geht es um KI, hier zur Drohnenabwehr. – Alle Rechte vorbehalten IMAGO / Mike Schmidt
Drohnen, die von sogenannter Künstlicher Intelligenz gesteuert werden, gewinnen an Bedeutung. Gerade der Ukrainekrieg dient als Testfeld für neue militärische KI-Anwendungen. Sie ermöglichen nicht nur technologische Fortschritte, sondern werfen auch grundlegende ethische und geopolitische Fragen auf.
Jens Hälterlein ist Technik- und Wissenschaftsforscher an der Universität Paderborn. Er forscht im Projekt Meaningful Human Control zur Regulierung autonomer Waffensysteme. Ein Fokus seiner Arbeit liegt auf Drohnenschwärmen und bestehenden Ansätzen zur ethischen Regulierung KI-basierter Militärtechnologien. Wir haben mit ihm über die Auswirkungen von KI-Anwendungen im Krieg gesprochen.
netzpolitik.org: In Ihrer Forschung beschäftigen sie sich intensiv mit der Entwicklung und dem Einsatz von KI im militärischen Kontext. Der Ukrainekrieg wird zunehmend als „Experimentierfeld“ für militärische KI-Anwendungen beschrieben. Wie schauen Sie auf diese Entwicklung?
Jens Hälterlein: Der Krieg in der Ukraine ermöglicht es – wie im Prinzip jeder Krieg –, neue militärische Entwicklungen unter realen Einsatzbedingungen zu testen. Für die Entwicklung militärischer KI-Anwendungen besteht ein weiterer Vorteil darin, dass auf den Schlachtfeldern der Ukraine große Mengen an Trainingsdaten erzeugt werden. Sie sind für maschinelle Lernprozesse notwendig. Daraus ergeben sich ganz neue Möglichkeiten. Die Ukraine wurde daher auch als „Living Lab“ für militärische KI bezeichnet, also eine Art „Reallabor“.
Nicht ohne Grund hat das US-amerikanische Unternehmen Palantir seine Datenanalyse-Software gleich zu Beginn des Krieges der Ukraine angeboten. Obwohl diese Software zuvor nur für wirtschaftliche und polizeiliche Analysen genutzt wurde, stellte sie schon nach kurzer Zeit ein zentrales Element für die Entscheidungsfindungsprozesse des ukrainischen Militärs dar.
Daten verhelfen der KI zum Druchbruch
netzpolitik.org: Zu Beginn des Ukrainekrieges spielten KI-Systeme bei Drohnen offenbar eine eher unterstützende Rolle. Das verändert sich aus Ihrer Sicht. Können Sie die technologischen Fortschritte und ihre Bedeutung genauer erläutern?
Jens Hälterlein: Am Anfang des Ukrainekrieges wurden die eingesetzten Drohnen noch größtenteils ferngesteuert. KI hat nur in einigen sogenannten „nicht-kritischen“ Funktionen eine Rolle gespielt, beispielsweise im Sinne eines Autopiloten. Das ändert sich derzeit aber anscheinend. Sowohl die Systeme ukrainischer Start-ups als auch die dort eingesetzten westlichen Systeme entsprechen zunehmend dem, was in der internationalen Debatte als tödliche Autonome Waffensysteme (LAWS) bezeichnet wird. Damit sind Systeme gemeint, die kritische Funktionen – also Zielfindung, Zielauswahl und Angriff – ohne menschliches Zutun vollziehen können.
Die in diesen Waffensystemen verwendeten Hardwarekomponenten und Algorithmen sind im Prinzip nicht neu. Aber lange Zeit wurden militärische Innovationen in diesem Bereich durch einen Mangel an Daten ausgebremst. Das ist vergleichbar mit der Entwicklung von Gesichtserkennungssystemen, die erst durch die massenhafte Verfügbarkeit von gelabelten Fotos in sozialen Medien einen Durchbruch erfahren haben.
netzpolitik.org: Über die russischen Systeme, wie etwa die neue Variante der Lancet-Kamikaze-Drohne, ist weit weniger bekannt.
Jens Hälterlein: Im Prinzip sind wir bei allen Kriegsparteien auf die Aussagen von Militärs und Waffenherstellern angewiesen. Und die sind natürlich grundsätzlich mit Vorsicht zu genießen, ganz gleich, ob es sich um westliche oder nicht-westliche Akteure handelt. Seit dem Krieg ist unsere Informationslage zu russischen Systemen allerdings noch eingeschränkter als zuvor. Aber da eine russische KI beziehungsweise eine russische KI-basierte Kampfdrohne grundsätzlich ähnlich funktioniert wie eine US-amerikanische oder eine deutsche sollten auch der jeweilige Kontext ähnlich sein. Auch auf russischer Seite werden diese Waffensysteme daher wohl autonomer werden. Und mit diesem Anspruch wird ja auch das neue Modell der Lancet-Drohne beworben.
Blindes Vertrauen
netzpolitik.org: Wenn militärische KI-Systeme und Autonome Waffensysteme in einem Konflikt wie in der Ukraine getestet werden, wirft dies ethische oder politische Fragen auf. Welche sind das aus Ihrer Sicht?
Jens Hälterlein: Es gibt zahlreiche Probleme. Zum einen ist militärische KI – wie jede KI – notorisch fehleranfällig und vorurteilsbehaftet. Fehler und Vorurteile können hier aber tödliche Folgen haben. Ein System könnte etwa Zivilisten als Kombattanten identifizieren, weil es Daten fehlinterpretiert oder weil es für die Unterscheidung relevante Faktoren übersieht.
Zum anderen droht es durch den Einsatz hochkomplexer Systeme zu einer Verantwortungsdiffusion zu kommen. Formal muss zwar immer ein Mensch als Letztinstanz zustimmen, wenn es zur Tötung von Menschen kommen kann. Allerdings können Bediener*innen nicht im Detail nachvollziehen, wie ein KI-basiertes System seinen Output erzeugt hat. Gleichzeitig kommen sie nicht umhin, auf dessen Basis Entscheidungen zu treffen, und das meist unter Zeitdruck. Auch deshalb könnten sie dazu tendieren, dem Output der Systeme nahezu blind zu vertrauen, was sie angesichts der Fehleranfälligkeit dieser Systeme jedoch keineswegs tun sollten.
Kriegstreiber KI
netzpolitik.org: Ein weiteres Risiko ist die globale Verbreitung dieser Technologien. Wie realistisch ist es, dass in Zukunft immer mehr Staaten autonome Waffensysteme einsetzen – möglicherweise auch im Globalen Süden?
Jens Hälterlein: Drohnen sind wesentlich preisgünstiger als Kampfjets. Gerade kleine Drohnen mit relativ kurzer Flugzeit und geringer Nutzlast sind nicht teuer. In der Ukraine werden sogar kommerzielle Modelle, die wenige hundert Euro kosten, verwendet. Sie werden quasi „in Heimarbeit“ mit Granaten und anderen Kampfmitteln bestückt.
Teuer wird es vor allem dann, wenn besondere Softwarekomponenten entwickelt werden. Aber auch diese Kosten sind kaum mit den Gesamtkosten für die Entwicklung der F-35 oder des Future Combat Air Systems vergleichbar. Es ist also davon auszugehen, dass Finanzen einen zunehmend geringen Faktor bei der globalen Verbreitung KI-basierter Militärtechnologien darstellen. Das türkische Unternehmen Baykar hat beispielsweise seine KI-Kampfdrohe Bayraktar TB2 eben nicht nur in die Ukraine exportiert, sondern auch in zahlreiche afrikanische und asiatische Staaten, wo sie bereits in mehreren Kriegen zum Einsatz gekommen ist.
Unzureichende Regulierung
netzpolitik.org: Mit Blick auf die politische Regulierung von autonomen Waffensystemen und KI-Drohnen sagen Sie, dass wir zunehmend vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Gibt es überhaupt noch Chancen auf international verbindliche Regeln?
Jens Hälterlein: Da sehe ich leider wenig Grund zu Optimismus. Im Rahmen der UN-Rüstungskontrolle gibt es seit mehr als zehn Jahren Bemühungen, verbindliche Regulierungen für LAW zu erwirken – bisher ohne Erfolg. Und zwar in erster Linie deshalb, weil solche Regulierungen nicht im Interesse der Nationen liegen, die LAWS entwickeln, einsetzen oder es in Zukunft beabsichtigen. Das sind neben den militärischen Großmächten USA, Großbritannien, Russland und China auch militärische Exportnationen wie Israel, die Türkei und Deutschland.
Deutschland hat sich zwar zusammen mit Frankreich für ein Verbot sogenannter vollautonomer Waffensystemen ausgesprochen. Gleichzeitig aber soll der Einsatz von sogenannten teilautonomen Waffensystemen erlaubt sein. Wenn aber für deren Einstufung bereits ausreichen soll, dass ein Mensch dem Output des Systems final zustimmen muss, halte ich diesen Ansatz aus den genannten Gründen für ungenügend.
Ethik ist kein Ersatz für Recht
netzpolitik.org: Was muss aus Ihrer Sicht passieren, um die unkontrollierte Verbreitung und den Missbrauch solcher Technologien noch zu verhindern?
Jens Hälterlein: Eine Patentlösung habe ich leider nicht. Es benötigt mehr kritische Debatten und zivilgesellschaftliches Engagement. Außerdem müssen wir stärker die Perspektiven der Opfer solcher Technologien in den Blick nehmen. Aber letzten Endes dürften die gegenwärtige globale Polarisierung und Militarisierung ein Klima erzeugen, in dem für Waffenkontrolle wenig Raum ist. Das sehen wir derzeit auch im Bereich der Regulierung von Atomwaffen.
Was aus meiner Perspektive definitiv keine ausreichende Lösung darstellt, ist die Ethik. Mittlerweile gibt es in eine ganze Reihe von Militärstrategien – vor allem westlicher Staaten -, die ein freiwilliges Bekenntnis zum Leitbild eines verantwortungsvollen, erklärbaren und verlässlichen Einsatzes von KI vorsehen. Es ist aber weiterhin unklar, wie die ethischen Prinzipien im Kontext von LAWS eingehalten sowie umgesetzt und kontrolliert werden können.
Vor allem aber sollte Ethik nicht an die Stelle des Rechts treten. Genau diese Gefahr besteht aber. Wir sehen aktuell eine Delegitimierung etablierter internationaler Rechtsnormen seitens westlicher Staaten. Gleichzeitig beziehen sie sich auf Konzepte wie die „regelbasierte internationale Ordnung“, die sich je nach Interessenlage mit Inhalt füllen lassen. In diesem Kontext sollten wir auch die Rhetorik einer „Responsible AI in the Military Domain“ verstehen. Ethik wirkt hier eher ermöglichend als einschränkend.
Erika Dornbusch hat Politikwissenschaften studiert, einige Monate in Syrien gelebt und dort hauptsächlich über den IS geschrieben. Zurzeit arbeitet sie im Bevölkerungsschutz, kommt mit Ordnung jedoch schlechter als mit Chaos zurecht.
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Die EU-Kommission könnte einem Medienbericht zufolge die Durchsetzung europäischer Digitalgesetze vorerst aussetzen, um Donald Trump im Handelskrieg zu besänftigen. Das stößt im EU-Parlament auf starken Widerstand.
Der weiterhin ungeklärte Zollstreit zwischen den USA und der EU sorgt weiterhin für Unruhe. – Alle Rechte vorbehalten IMAGO / MiS
Im vom US-Präsidenten Donald Trump angezettelten Handelsstreit könnte die Durchsetzung des Digital Markets Act (DMA) für US-Unternehmen wie Alphabet, Meta oder Apple auf Eis gelegt werden, berichtet das Wall Street Journal (€). Dem Exklusiv-Bericht zufolge zirkuliert im Büro des US-Handelsbeauftragten der Entwurf eines „Abkommens über gegenseitigen Handel“ zwischen den USA und der EU. Ob die EU-Verhandler:innen dem Abkommen in dieser Form zustimmen werden, bleibt vorerst unklar.
Laut WSJ erfasst das geplante Abkommen eine ganze Reihe von Handelsbereichen, neben dem Digitalsektor unter anderem CO2-Grenzabgaben, Schiffbau oder die Beschaffung von Rüstungsgütern. Weiter ausgesetzt werden könnte demnach auch eine EU-Verordnung über entwaldungsfreie Lieferketten, die Ende des Jahres in Kraft treten soll. Dem Bericht zufolge könnten die USA und die EU in einen „Dialog“ über die Implementation des DMA treten. Zwischenzeitlich sollte die Durchsetzung ruhen, so das WSJ.
Tauziehen im Handelsstreit
Die heiklen Verhandlungen zwischen den USA und der EU laufen überwiegend hinter verschlossenen Türen, seit Donald Trump im April die Einfuhren praktisch aller Länder der Welt mit Strafzollen belegt hatte. Für Importe aus der EU sah die ursprüngliche US-Ankündigung einen pauschalen Zollsatz von 20 Prozent vor. Später polterte Trump in sozialen Medien und erhöhte die Drohung mit Verweis auf „unfaire und ungerechtfertigte Klagen gegen US-amerikanische Unternehmen“ auf 50 Prozent.
Bislang sind die angedrohten Zölle weitgehend ausgesetzt. In Kraft sind jedoch etwa Abgaben auf Stahl- und Aluminiumimporte in Höhe von 50 Prozent sowie pauschale Aufschläge von 25 Prozent auf Autoimporte. Außerdem gilt ein Mindestzollsatz von 10 Prozent, der sich der Nachrichtenagentur Reuters zufolge kaum wegverhandeln lassen wird. Die zuletzt genannte Frist für einen Abschluss der Verhandlungen ist der 9. Juli.
Strafen und Auflagen gegen US-Digitalriesen
Ein besonderer Dorn im Auge der „America First“-Administration sind die relativ jungen EU-Digitalgesetze, der Digital Services Act (DSA) und der Digital Markets Act (DMA). Beide Gesetze sollen die Rechte von Nutzer:innen im Internet stärken und die Übermacht insbesondere großer Digital-Konzerne abschwächen. Viele dieser Unternehmen stammen aus den USA und sind davon entsprechend stärker betroffen als kleinere Wettbewerber, etwa aus der EU.
Zuletzt hat die EU-Kommission erstmals millionenschwere Wettbewerbsstrafen sowie Auflagen für Apple und Meta verhängt, denen sie Verstöße gegen den DMA vorwirft. Für Unverständnis auf der anderen Seite des Atlantiks sorgen zudem regelmäßige Auseinandersetzungen rund um die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO).
EU-Parlament stellt sich gegen Aufweichung von Gesetzen
Ein in den Raum gestelltes Einknicken der EU-Kommission kommt beim EU-Parlament nicht gut an. „Bei aller Flexibilität und Verhandlungsbereitschaft seitens der EU muss weiterhin klipp und klar sein, dass unsere Gesetze oder eine Aufweichung unserer Regeln nicht Teil des Warenkorbes für die Verhandlungen sein dürfen“, sagt der SPD-Europaabgeordnete Bernd Lange, Vorsitzender des Handelsausschusses im EU-Parlament, in einer Pressemitteilung.
Dies gelte für den DMA genauso wie für andere Regelungen, betont Lange. „Hier darf nicht einmal mit dem Feuer gespielt werden. Da darf es keine Abstriche geben“, so der niedersächsische Abgeordnete. Es stehe nicht zur Disposition, „unsere EU-Gesetze und unsere Autonomie und Recht zu regulieren“.
In einer heutigen Anhörung habe die EU-Kommission die „Rolle, Einbindung und Bedeutung des Europäischen Parlaments bei den transatlantischen Handelsbeziehungen“ noch einmal bekräftigt. „Wenn es zu einem Abkommen kommt, dann haben wir im Europäischen Parlament das letzte Wort. Ob das Herrn Trump passt oder nicht“, gibt sich Lange kämpferisch.
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