🔒
Es gibt neue verfügbare Artikel. Klicken Sie, um die Seite zu aktualisieren.
Ältere BeiträgeHaupt-Feeds

Konzertierte Aktion: Mehr als 60 Hochschulen und Forschungsinstitute verlassen X-Twitter

10. Januar 2025 um 10:21

In einer konzertierten Aktion verabschieden sich über 60 Hochschulen und Forschungsinstitute aus Deutschland und Österreich von ihrer Präsenz auf X, ehemals Twitter. Unklar bleibt jedoch, wohin die Reise geht.

Illustration zum X-Twitter-Ausstieg diverser Wissenschaftsorganisationen
Über 50 Wissenschaftsorganisationen verlassen X/Twitter CC-BY 4.0 HHU/Paul Schwaderer

Über 60 Wissenschaftsorganisationen aus dem deutschsprachigen Raum steigen bei der Plattform X (früher Twitter) aus. In einer kurzen Erklärung begründen sie das mit der „fehlenden Vereinbarkeit der aktuellen Ausrichtung der Plattform mit den Grundwerten … Weltoffenheit, wissenschaftliche Integrität, Transparenz und demokratischer Diskurs.“ Konkret heißt es in der Erklärung weiter:

Die Veränderungen der Plattform X – von der algorithmischen Verstärkung rechtspopulistischer Inhalte bis zur Einschränkung organischer Reichweite – machen eine weitere Nutzung für die beteiligten Organisationen unvertretbar. Der Austritt der Institutionen unterstreicht ihren Einsatz für eine faktenbasierte Kommunikation und gegen antidemokratische Kräfte. Die Werte, die Vielfalt, Freiheit und Wissenschaft fördern, sind auf der Plattform nicht mehr gegeben.

Zu den Unterzeichnern der federführend von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf koordinierten Erklärung zählen Universitäten wie die FU Berlin, die Fernuniversität Hagen oder RWTH Aachen genauso wie Leibniz-Institute. Sie folgen damit Appellen wie jenem des Aktionsbündnisses neue Soziale Medien, das sich bereits vor einiger Zeit mit einem offenen Brief an die Hochschulrektorenkonferenz gewandt und den Ausstieg aus X/Twitter gefordert hatte.

Die Erklärung enthält keine Empfehlung, welche anderen Online-Plattformen Hochschulen in Zukunft für Verlautbarungen und Kommunikation neuer Forschungsergebnisse verwenden sollten. Vor allem Bluesky und Mastodon werden als Alternativen ins Auge gefasst. Nur wenige Unterzeichner:innen haben sich diesbezüglich so klar positioniert wie die Universität Innsbruck, die als bislang einzige deutschsprachige Hochschule eine eigene Mastodon-Instanz betreibt.

Wohin soll es gehen?

In einer Stellungnahme mit dem Titel „Blu­es­ky? Für Uni Inns­bruck ist Mas­to­don weg­wei­send“ heißt es dort:

Doch was ist die Alternative zu diesem beliebten Kommunikationskanal? Aktuell zieht es viele nach Bluesky. Doch der Dienst stöhnt bereits unter einer Flut neuer Anmeldungen. Und noch ist völlig unklar, wie sich Bluesky langfristig finanzieren will. Eine ähnliche Entwicklung wie bei Twitter ist also keineswegs ausgeschlossen.

Letztlich gilt für Bluesky (und erst Recht für Metas Twitter-Klon Threads) dasselbe, was sich bei X gezeigt hat: Sie können jederzeit von ihren reichen Eigentümer:innen nach Belieben umgestaltet werden, die Investitionen in den Community-Aufbau sind dann verloren.

Der Vorteil des dezentralen Fediverse-Ansatzes von Mastodon, Peertube und Co. ist demgegenüber, dass sie nicht so einfach übernommen werden können und keine zentrale Algorithmensteuerung für politische Zwecke missbraucht werden kann. Dazu kommt noch eine ganze Reihe weiterer Vorteile gerade für Hochschulen, die nicht nur Accounts, sondern eigene Instanzen im Fediverse betreiben. So kann beispielsweise die lokale Timeline einer Fediverse-Instanz als Plattform für Studierende und Alumni dienen.

Hinzu kommt, dass es für Wissenschaftsorganisationen ganz allgemein sinnvoll ist, zentrale Kommunikationsinfrastruktur nicht an profitorientierte Unternehmen auszulagern. Für wissenschaftlich-soziale Netzwerke lässt sich das an (Negativ-)Beispielen wie ResearchGate oder Academia.edu beobachten, die vor allem durch Intransparenz und Spam auffallen. Praktischerweise gibt es die Möglichkeit über Tools wie Bridgy.fed, Mastodon-Accounts auch auf Bluesky abonnierbar zu machen. Insofern sollte die Entscheidung für die X/Twitter-Alternative am Ende nicht sehr schwerfallen.

Ergänzung, 10.01.2025, 12:52: Verweis auf die koordinierende Rolle der HHU Düsseldorf


Die Arbeit von netzpolitik.org finanziert sich zu fast 100% aus den Spenden unserer Leser:innen.
Werde Teil dieser einzigartigen Community und unterstütze auch Du unseren gemeinwohlorientierten, werbe- und trackingfreien Journalismus jetzt mit einer Spende.

Neues aus dem Fernsehrat (82): Das Jahr 2022 bringt neue Spielregeln für Öffentlich-Rechtliche

30. Dezember 2021 um 10:46
Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Josiah Ferraro

Seit Juli 2016 darf ich den Bereich „Internet“ im ZDF-Fernsehrat vertreten. Was liegt da näher, als im Internet mehr oder weniger regelmäßig Neues aus dem Fernsehrat zu berichten? Eine Serie.

Im März 2022 folgt Norbert Himmler auf Thomas Bellut als Intendant des ZDF. Er steht vor einer der größten Aufgaben in der Geschichte öffentlich-rechtlicher Medien. In Abstimmung mit der ARD muss er den Umbau des ZDF zu einem plattformübergreifenden Digitalangebot als Teil eines öffentlich-rechtlichen Ökosystems vorantreiben. Denn spätestens mit der für 2022 anvisierten Verabschiedung einer Auftrags- und Strukturreform durch die Länder als Rundfunkgesetzgeber (bis 14. Januar 2022 läuft noch die öffentliche Konsultation zum Entwurf), wird der wichtigste Grund für Zurückhaltung bei der digitalen Neuaufstellung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wegfallen: das rigide gesetzliche Korsett, das bislang größere Umschichtungen und Umstrukturierungen verhindert hat.

Aus größerer Freiheit folgt größere Verantwortlichkeit

Bislang sind sämtliche Spartensender – von ZDF Neo über ARD Alpha bis hin zu Phoenix – unmittelbar gesetzlich beauftragt. Einen solchen Sender zugunsten neuer Online-Angebote einzustellen, war damit unmöglich. Die anstehende Reform wird genau das möglich machen. Damit steigt der Spielraum, aber auch die Verantwortlichkeit für die Gestaltung des öffentlich-rechtlichen Angebots. Gesetzliche Einschränkungen können noch weniger als bisher für fehlende zeitgemäße (Digital-)Angebote herhalten.

Solche größeren Freiheiten haben sich die öffentlich-rechtlichen Anstalten schon lange gewünscht. Jetzt wird es darauf ankommen, diese Chance zu nutzen. Ohne den Startvorteil von Platz Eins und Zwei auf der Fernbedienung wird das aber ein Maß an Agilität und Experimentierfreude erfordern, das im öffentlich-rechtlichen Kontext bislang nur das Jugendangebot Funk zu leisten vermochte. Funk hatte allerdings den Vorteil, ohne Altlasten und Pfadabhängigkeiten losstarten zu können.

Öffentlich-Rechtliche müssen sich öffnen

Im Wettbewerb mit und auf digitalen Plattformen werden die öffentlich-rechtlichen Medien nämlich nur dann bestehen, wenn sie sich gleich in mehrfacher Hinsicht digital öffnen. Es braucht mehr Offenheit dem eigenen Publikum gegenüber, dem bislang kaum Kanäle für Rückmeldung und Interaktion offenstehen. Die öffentlich-rechtlichen Anbieter in Deutschland und Europa müssen offener für Kooperation werden, von stärker Open-Source-basierter Softwareentwicklung bis hin zur wechselseitigen Verschränkung von Online-Angeboten. Und was die eigenen Inhalte betrifft, so gilt es diese mit Wikipedia-kompatiblen Lizenzen offener zu gestalten und so im Netz breiter zirkulieren zu lassen.

Der für dieses Mehr an Offenheit erforderliche Struktur- und Kulturwandel wird nicht einfach werden. Glücklicherweise ist Norbert Himmler als neuer ZDF-Intendant hier nicht auf sich allein gestellt. Auch in der ARD ist eine neue, digitale Generation im Kommen, am sichtbarsten in Person des neugewählten HR-Intendanten und Funk-Gründungsgeschäftsführers Florian Hager. Auch er wird 2022 seinen neuen Job antreten. Da geht was.

Dieser Beitrag der Reihe ist in leicht gekürzter Fassung zuerst bei Medieninsider (€) unter dem Titel „Öffentlich-Rechtliche müssen sich öffnen“ erschienen.


Hilf mit! Mit Deiner finanziellen Hilfe unterstützt Du unabhängigen Journalismus.

  • Es gibt keine weiteren Artikel
❌