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Frauenhäuser: „Ausklinken darf nicht die Lösung sein“

06. April 2026 um 08:39

Versteckte Tracker, geteilte Clouds und überwachte Schul-iPads: Digitale Gewalt ist Alltag in Frauenhäusern. Isa Schaller erklärt, wie Tools missbraucht werden – und was es für einen besseren Schutz der Betroffenen braucht.



Mensch mit Smartphone in der Hand
Nicht nur das Handy, auch Schultablets oder Smartwatches können den Standort im Frauenhaus verraten. – Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Paul Hanaoka

Isa Schaller ist Mitarbeiterin von „Ein Team gegen digitale Gewalt“. Sie hat Philosophie, Informatik und Rechtsextremismusforschung studiert. Schaller interessiert sich für die Schnittstelle zwischen Technik und Wissenschaft und insbesondere für feministische Technikpolitik. In deren Zentrum steht die Frage: Wie kann die aktuelle technische Entwicklung im Sinne der Geschlechtergerechtigkeit gestaltet werden?

Seit 2023 gibt Isa Schaller Schulungen zum Schutz vor digitaler Ortung und Überwachung im Frauengewaltschutz. Sie war außerdem zwischen 2024 und 2025 als technische Beraterin am Modellprojekt “IT-Beratung” des Vereins Frauenhauskoordinierung beteiligt.

netzpolitik.org: Frau Schaller, wie stark prägt digitale Gewalt inzwischen den Alltag in der Frauenhausarbeit?

Isa Schaller: Die technische Entwicklung ist rasant, alle paar Monate kommen neue Funktionen hinzu. Viele davon lassen sich im Kontext von (Ex-)Partnerschaftsgewalt missbrauchen. Man muss in der technischen Beratung wirklich Detektivarbeit leisten. Insbesondere, wenn es um Cloud-Dienste geht, die einfach zu benutzen sind und häufig über eine Ortungsfunktion verfügen. Kurz gesagt: In vielen Fällen der Beratungsarbeit im Frauenhauskontext geht es inzwischen auch um digitale Gewalt.

netzpolitik.org: Ihre Initiative, „Ein Team gegen digitale Gewalt“, bietet deutschlandweit Schulungen für Beratungsstellen und Frauenhäuser an. Sie haben sich insbesondere auf den Schutz vor Ortung und Überwachung spezialisiert. Welche Bedrohungen begegnen Ihnen in der Praxis?

Person schaut in die Kamera
Isa Schaller schult und berät Mitarbeitende im Frauenhaus. - Alle Rechte vorbehalten Susan Pawlak

Isa Schaller: In einer Situation meldete sich ein Frauenhaus nach einer Schulung zu Cyberstalking und Absicherung. Die Mitarbeiterin berichtete, dass sie unsere Tipps angewandt und ‚AirGuard‘ genutzt hatte. Dabei handelt es sich um eine von der Technischen Universität Darmstadt entwickelte Sicherheits-App, mit der sich Bluetooth-Tracker aufspüren lassen. Die Mitarbeitenden des Frauenhauses führten die App standardmäßig ein und ließen sie auch in der Poststelle laufen, wo sie ihre Pakete empfingen. Direkt beim ersten Mal schlug die App an. In einem Paket befand sich ein Bluetooth-Tracker – versteckt in einem Geschenk. Der Tracker sollte unbemerkt ins Frauenhaus getragen werden, um die Adresse herauszufinden. Das konnte in diesem Fall glücklicherweise verhindert werden. Aber das ist nur ein Beispiel, das exemplarisch steht für viele Situationen, mit denen Frauenhäuser heute konfrontiert sind.

„In vielen Fällen gibt es erste Anzeichen“

netzpolitik.org: Wie bemerken Betroffene überhaupt, dass sie überwacht oder geortet werden?



Isa Schaller: In vielen Fällen gibt es erste Anzeichen – zum Beispiel, dass der Täter in der Nähe der Betroffenen auftaucht, im Park, vor der Tür, oder, dass die Betroffene schon einmal im Frauenhaus gefunden wurde, dessen Standort ja eigentlich geheim ist. In solchen Fällen muss die Betroffene teilweise Hunderte Kilometer umziehen in das nächste Frauenhaus, das einen freien Platz hat. Die Frage ist dann: Wie konnte das passieren? Der erste Verdacht sind meistens Bluetooth-Tracker, die in Teddys, im Futter der Winterjacke oder in der Schuhsohle versteckt wurden. Die nächste Option ist die gemeinsame Cloud. Wenn der Ex-Partner sie eingerichtet hat, muss er sich nur einloggen, um Zugang zu Fotos und Terminen der Betroffenen zu haben. Eine weitere häufige Frage betrifft Kinderschutzfunktionen von Geräten. Die lassen sich so einrichten, dass betroffene Personen es häufig gar nicht mitbekommen, aber die Ortung im Hintergrund aktiv ist.

netzpolitik.org: Häufig instrumentalisieren Täter auch Kinder. Sie sind in vielen Fällen mitbetroffen von digitaler Gewalt.

Isa Schaller: Aktuell leben in Frauenhäusern sogar mehr Kinder als Frauen. Denn Frauen, die vor ihren (Ex-)Partnern flüchten, nehmen ihre Kinder in der Regel mit. 2024 wohnten 13.700 Frauen in Frauenhäusern und 15.300 Kinder. Und über Kinder versuchen Täter, digitale Gewalt auszuüben, etwa über digitale Kontaktversuche oder Geschenke, wie im oben genannten Fall. Da ergeben sich neue medienpädagogische Fragen. Die Kinder sind ohnehin in einer schwierigen Situation. Sie mussten umziehen und haben ihr soziales Umfeld in der analogen Welt verloren. Da kann man ihnen nicht sagen, dass sie jetzt auch noch aufhören sollen, Online-Spiele zu spielen oder per Messenger zu kommunizieren.

Es braucht einen sehr genauen Blick, wie man ihre Geräte absichern und weiter nutzen kann. Wenn es bei einigen Programmen wirklich zu gefährlich ist, sie weiter zu nutzen, braucht es eine sensible und altersgerechte Vermittlung und Abstimmung mit den betroffenen Kindern.

netzpolitik.org: Der sogenannte Digital Gender Gap weist auf eine gravierende Lücke hin. Demnach besteht zwischen Frauen und Männern nach wie vor ein großer Unterschied im Zugang zu digitalen Technologien. Frauen zählen demnach überdurchschnittlich häufig zu den „digital Abseitsstehenden“. Welche Rolle spielt die fehlende digitale Selbstbestimmung im Kontext von Gewalt?

Isa Schaller: Häufig lassen Frauen ihre technischen Geräte im vollsten Vertrauen von Männern einrichten. Sie selbst verfügen in vielen Fällen gar nicht über die Passwörter. Das führt zu einem massiven Machtgefälle. Im Endeffekt ist die digitale Gewalt eine Fortführung bestehender Gewaltformen. Da spielen dann noch andere Aspekte mit rein: In welcher finanziellen Lage befindet sich die Betroffene? Kann sie sich einfach ein neues Gerät kaufen, wenn mit dem alten etwas nicht stimmt? Gibt es überhaupt erreichbare, kompetente Hilfestellen? Da spielt dann etwa ein Stadt-Land-Gefälle eine Rolle.

„Eine massive Verschärfung“

netzpolitik.org: Laut einer Statistik aus dem Jahr 2024 fehlen in Deutschland mehr als 12.000 Frauenhausplätze. Gleichzeitig steigen die Zahlen zu häuslicher Gewalt.

Isa Schaller: Wir bewegen uns in den gleichen gesellschaftlichen Machtverhältnissen wie ohnehin schon. Nur leider mit mächtigen neuen Werkzeugen, die Bedroher nutzen können, um Personen zu verfolgen und sie weiter einzuschüchtern. Deshalb handelt es sich bei digitaler Gewalt nicht nur um eine Fortführung bestehender Gewalt, sondern auch um eine massive Verschärfung.

netzpolitik.org: Im Modellprojekt IT-Beratung der Frauenhauskoordinierung haben Sie Betroffene bei Verdachtsfällen von digitaler Überwachung unterstützt. Wie wichtig ist in derartigen Fällen ein ganzheitlicher Ansatz? Es geht ja um weit mehr als technische Beratung.



Isa Schaller: Alle Projekte, in denen ich bislang gearbeitet habe, hatten den Anspruch auf eine enge Koppelung an die bestehende Hilfslandschaft. An vielen Stellen spielt Medienpädagogik eine Rolle. Wie vermittelt man technische Details an erwachsene Betroffene? Viele Menschen wissen nach wie vor nicht, was eine Cloud ist und wie genau sie funktioniert. Teils wird den Betroffenen ihre digitale Situation und die damit einhergehende Bedrohung erst in der Beratung bewusst. Hier braucht es dann eine psychosoziale Betreuung. Diese Frauen haben schon sehr viele Übergriffigkeiten erlebt. Natürlich reißt man ihnen da nicht ungefragt das Handy aus der Hand. Es geht um eine gemeinsame Abstimmung.

Hinzu kommt die rechtliche Ebene. Da geht es etwa um rechtssichere Screenshots und die Frage, ab wann die Polizei für die Beweissicherung zuständig sein sollte. Es braucht ein ganzes Team, um diese Situation anzugehen.

netzpolitik.org: Nur arbeiten Frauenhäuser ohnehin schon am Limit. Jahr für Jahr müssen sie Hunderte Frauen abweisen – und brauchen bei digitaler (Ex-)Partnerschaftsgewalt spezialisierte Kompetenzen und technisches Know-How.

Isa Schaller: Deshalb bräuchte es mehr Geld in der gesamten Beratungslandschaft – und ein entsprechendes Stundenkontingent. Denn digitale Gewalt verursacht einen Mehraufwand in der Beratungsarbeit. In die Beratung kommt in vielen Fällen eine Person, die noch gar nicht ahnt, dass sie geortet und überwacht wird. Schließlich stehen für sie häufig erst einmal andere Fragen im Vordergrund: Was passiert mit den Kindern? Wie ist die finanzielle Situation? Dann kommt heraus, dass digitale Gewalt auch ein Thema ist. Häufig geht es da nicht nur um Handys, sondern beispielsweise auch um die Schultablets der Kinder oder Smartwatches. Bestehende Hilfesysteme zu unterstützen ist also der erste Schritt.

netzpolitik.org: Was müsste aus Ihrer Sicht noch passieren, um Betroffene besser zu schützen?

Isa Schaller: Hersteller müssen in die Verantwortung gezogen werden. Die Probleme dürfen nicht auf Betroffene und die Beratungslandschaft abgewälzt werden. Es kann nicht sein, dass Frauen ihre Geräte nicht mehr nutzen können. Das bedeutet für sie den Abschied aus digitaler Teilhabe. Viele Bereiche des Alltags sind heute nur noch digital zugänglich. Zu erwarten, dass sie sich aus dieser Welt ausklinken, darf nicht die Lösung sein. Insbesondere nicht in dieser Situation: Sie versuchen schließlich gerade, sich ein neues Leben aufzubauen. Dabei sollten sie unbedingt Kontakt halten zu Personen, die sie stabilisieren. Und dafür ist ihr Handy zentral.

netzpolitik.org: Welche Weichenstellungen sind aus Ihrer Sicht notwendig, um Technik gerechter und sicherer für alle zu gestalten?

Isa Schaller: Das fängt an bei stärkeren Warnsystemen für Bluetooth-Tracker. Ein weiterer Punkt betrifft SmartHome-Geräte. Viele Haushaltsgeräte erheben inzwischen private Daten, speichern sie und machen sie zugänglich. Jedes Auto ist inzwischen ein intelligentes Gerät, das überwachbar ist. Es braucht an dieser Stelle einen breiten gesellschaftlichen Diskurs. Wie wollen wir, dass unsere Technik gestaltet ist? Wo wollen wir mehr Komfort, wo machen wir aber auch Abstriche, um diese Geräte sicher zu gestalten für wirklich alle Beteiligten?


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Fachleute fordern: Das fehlt beim Schutz vor digitaler Gewalt

06. Februar 2026 um 07:00

Stalking, Doxing, geleakte Nacktfotos – digitale Gewalt kann Menschen das Leben zur Hölle machen. Während das Justizministerium ein Gesetz entwirft, haben wir zivilgesellschaftliche Organisationen gefragt, was am meisten helfen würde.

Eine Sportlerin rastet in der Sonne mit einem Smartphone in der Hand.
Wie lassen sich Betroffene digitaler Gewalt stärken? (Symbolbild) – Alle Rechte vorbehalten IMAGO / Addictive Stock; Bearbeitung: netzpolitik.org

Fremde, die Frauen heimlich in der Sauna filmen und die Videos ins Netz stellen. Männer, die das Handy ihrer Freundin verwanzen, um sie jederzeit orten zu können. Organisierte Gruppen, die auf sozialen Medien unliebsame Personen mit Hassnachrichten überziehen. Digitale Gewalt hat viele Facetten. Auf besondere Weise trifft sie Frauen und andere marginalisierte Gruppen.

Das Bundesjustizministerium entwirft derzeit ein „digitales Gewaltschutzgesetz“, wie Ministerin Stefanie Hubig (SPD) in mehreren Interviews angekündigt hat. Erste bekannte Bestandteile des Gesetzes sind demnach „angemessene Strafen für Deepfakes“ sowie zeitweise Sperren für Accounts, „über die immer wieder schwere Rechtsverletzungen begangen werden“.

Bereits die vorige Regierung hatte sich an einem Gesetz zu dem Thema versucht. Für dessen Eckpunkte gab es breite Kritik. Nachdem die Ampel-Regierung zerbrochen war, kam nicht mehr heraus als ein unfertiger Entwurf.

In Deutschland befassen sich mehrere zivilgesellschaftliche Akteur*innen mit digitaler Gewalt. Ihre Perspektive basiert teils auf direkter Erfahrung mit Betroffenen. Zuletzt hatten wir vor knapp drei Jahren aufgeschrieben, welche klaffenden Lücken es bei digitaler Gewalt gibt.

Die aktuellen Pläne der Regierung für einen weiteren Anlauf haben wir zum Anlass genommen, die Frage zu erneuern: Was brauchen Betroffene digitaler Gewalt am dringendsten? Hier fassen wir die Perspektiven von insgesamt acht Organisationen zusammen.

  1. Anlaufstellen stärken
  2. Polizei und Justiz sensibilisieren
  3. Vorschriften für Plattformen durchsetzen
  4. Strafrecht erweitern
  5. Rechtsdurchsetzung für Betroffene erleichtern
  6. Verdächtige einfacher ins Visier nehmen
  7. Adressen von Betroffenen besser schützen
  8. Aufklärung und Medienkompetenz ausbauen
  9. Frauen nicht isoliert betrachten
  10. Internationale Regeln gut umsetzen

1. Anlaufstellen stärken

Bevor Polizei oder Justiz überhaupt relevant werden, können Betroffene zunächst bei Beratungsstellen Unterstützung finden. Davon gibt es nicht genug, wie Berater*innen regelmäßig beklagen. „Die Finanzierung für Beratungsstellen von Betroffenen muss langfristig und nachhaltig gewährleistet sein. Die Beratungsstellen brauchen qualifiziertes, gut geschultes Personal“, fasst es die Organisation das Nettz auf Anfrage von netzpolitik.org zusammen. Auch der Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe fordert „ausreichend finanzierte Unterstützungsstrukturen“.

Der Verein Frauenhauskoordinierung schlüsselt das näher auf: Einerseits brauche es mehr Personal, „weil digitale Gewalt neue Herausforderungen mit sich bringt: Es wird mehr Zeit benötigt, um zu den digitalen Dimensionen von Gewalt zu beraten, aber auch mehr Zeit, um sich das nötige Wissen anzueignen“. Weiter brauche es „Expert*innen zum Thema digitale Gewalt in jedem Frauenhaus“ und „regelmäßige Fortbildungen, damit Kenntnisse zu digitaler Gewalt im Beratungsteam aktuell sind“. Dafür brauche es trotz kommender Finanzierung durch den Bund weiter Geld von Ländern und Kommunen.

Fälle von etwa digitalem Stalking und heimlicher technischer Überwachung können viel IT-Expertise benötigen. Hierfür fordert die Initiative Ein Team gegen digitale Gewalt, Fachberatung in Einrichtungen zu verankern. „Die IT-Fachberatung könnte von einer fachkompetenten zivilgesellschaftlichen Organisation aufgebaut, vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik unterstützt und vom Bundesministerium des Innern gefördert werden“, heißt es in einem Forderungspapier von Ende 2024, das „ein Team“ und mehr als 60 weitere Organisationen und Projekte erarbeitet haben. Das Papier „ist nicht weniger aktuell als damals“, schreibt die Initiative heute.

2. Polizei und Justiz sensibilisieren

Wollen sich Betroffene digitaler Gewalt juristisch wehren, können sie sich nicht immer darauf verlassen, dass Polizei oder Staatsanwaltschaft sie professionell behandeln. Es brauche „Schulungen für Polizei und Justiz, damit Betroffene ernst genommen werden und schnell Hilfe erhalten“, hält „Ein Team“ fest. Häufig könnten „Polizei und Gerichte mit entsprechenden Beweisen noch nicht umgehen oder erkennen sie nicht an“.

Das Nettz bekräftigt: „Justiz und Polizei brauchen spezialisiertes Personal und verpflichtende themenspezifische Fortbildung für ihre Mitarbeitenden.“ Der Verein Frauenhauskoordinierung fordert „Grundlagenwissen bei Polizei und Justiz zu digitaler (Ex-)Partnerschaftsgewalt“.

Ein konkreter Ansatz aus dem Forderungspapier von „Ein Team“ und weiteren Organisationen sind Schwerpunktstaatsanwaltschaften für digitale Gewalt. So nennt man Justizbehörden, die auf bestimmte Themen spezialisiert sind. Einrichten müssten sie die Länder. Bisher gibt es das zum Beispiel für Geldwäsche oder Bekämpfung sogenannter Kinderpornografie.

3. Vorschriften für Plattformen durchsetzen

Die Regulierung von Plattformen wie TikTok, Instagram oder X sprechen gleich mehrere Organisationen an. Der Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe kritisiert: „Digitale geschlechtsspezifische Gewalt wird durch die Marktmacht großer Techkonzerne begünstigt, weil Profit und Reichweite über Schutz gestellt werden.“ Das Nettz fordert: „Plattformen müssen mehr Verantwortung übernehmen und die existierende Regulierung konsequent umsetzen.“

In der EU gibt es das Gesetz über digitale Dienste. Sehr große Plattformen müssen demnach systemische Risiken für ihre Nutzer*innen erkennen und mindern – etwa durch Inhaltsmoderation, Meldewege oder Sicherheitsfunktionen. Sonst drohen Sanktionen. Werkzeuge zur Durchsetzung des Schutzes Betroffener digitaler Gewalt wären also vorhanden.

Allerdings gibt es Widerstand: Plattformen setzen gerade kostspielige Maßnahmen oft nur zögerlich um; die Trump-Regierung deutet Regulierung aus der EU zunehmend als Angriff. Mit Blick darauf schreibt die gemeinnützig Organisation HateAid: „Wir wünschen uns ein klares Bekenntnis der Bundesregierung zur europäischen Plattformregulierung und den unbedingten Willen, diese auch gegen den politischen Druck aus den USA durchzusetzen“.

4. Strafrecht erweitern

Mehrere Formen digitaler Gewalt sind strafbar, Betroffene können sich also vor Gericht dagegen wehren. Gerade bei bildbasierter, sexualisierter Gewalt stehen sie aber oftmals vor einem Flickenteppich. Je nachdem, was sie erlebt haben, kann eine andere Regelung greifen. Bereits im Jahr 2023 kritisierte der Deutsche Juristinnenbund den rechtlichen Schutz als „lückenhaft“, das Strafrecht „vollkommen unsystematisch“.

HateAid richtet den Fokus auf eine bestimme Form bildbasierter Gewalt und fordert, dass schon die Erstellung sexualisierter, nicht-einvernehmlicher Deepfakes strafbar sein solle. Selbst wenn die Bilder „nur auf einer Festplatte oder Cloud gespeichert werden, sind sie nur einen falschen Knopfdruck, Hackingangriff oder ein Datenleck von der Verbreitung entfernt“. Die neue EU-Richtlinie zur Gewalt gegen Frauen adressiert zwar auch die Herstellung solcher Deepfakes, knüpft die Strafbarkeit jedoch an die Verbreitung. Bei der Ausgestaltung der Regeln warnen Kritiker*innen vor möglicher Überregulierung.

Das Projekt „Ein Team“ nimmt weitere Delikte in den Blick und warnt: „Viele Formen von technikgestützter Gewalt sind bisher nicht verboten. Dazu gehört zum Beispiel das heimliche Überwachen des Aufenthaltsorts mit Bluetooth-Trackern wie Apple AirTags“. Im Forderungspapier mit anderen Organisationen fordert „Ein Team“ ein Verbot von Stalkerware – also Spionage-Apps, mit denen Täter*innen das Smartphone ihrer (Ex-)Partner*innen heimlich verwanzen, um sie umfassend zu überwachen. Gegen solche Szenarien gibt es bereits verschiedene Normen, die jedoch Schlupflöcher lassen. Laut Koalitionsvertrag sollen Hersteller solcher Apps künftig verpflichtet werden, regelmäßig das Einverständnis der Gerätebesitzer*innen abzufragen.

Auf „identifizierte Lücken im Rechtssystem“ verweist auch der Verein Weisser Ring hin und fordert, sie zu schließen.

5. Rechtsdurchsetzung für Betroffene erleichtern

Je nach Fall können Betroffene digitaler Gewalt Strafanzeige erstatten oder zivilrechtliche Ansprüche geltend machen. Das Strafrecht greift jedoch nur, wenn eine Staatsanwaltschaft ein Verfahren aufnimmt. Die Hürden dafür können unterschiedlich hoch sein. Mithilfe des Zivilrechts können Betroffene zum Beispiel erfahren, wer hinter einem Übergriff steckt (Auskunft), erreichen, dass die Angriffe aufhören (Unterlassung) oder in bestimmten Fällen Geld als Entschädigung erhalten.

„Private Rechtsdurchsetzung ist angesichts überlasteter Strafverfolgungsbehörden und der schleppenden Umsetzung von Nutzendenrechten auf Online-Plattormen ein wichtiges Instrument“, schreibt HateAid. Betroffene digitaler Gewalt könne das handlungsfähig machen, zumindest in ausgewählten Fällen.

Das Problem laut HateAid: Dieser Weg sei für Betroffene „kaum zugänglich“. Die Organisation warnt vor hohen Kosten und langen Laufzeiten der Verfahren von sechs bis zwölf Monaten. Auch der Weisse Ring fordert, dass zivilrechtliche Ansprüche klarer und zugänglicher gestaltet werden sollten.

Betroffene kann es entlasten, wenn sie ihre Rechte nicht individuell einklagen müssen. Stattdessen könnten auch Organisationen im Interesse von Betroffenen vor Gericht ziehen. Ein solches Verbandsklagerecht gibt es zum Beispiel beim Umwelt- oder Verbraucherschutz. Ein Verbandsklagerecht für digitale Gewalt wünschen sich unter anderem der Deutsche Juristinnenbund und das Projekt „Ein Team“.

6. Verdächtige einfacher ins Visier nehmen

Viele Formen digitaler Gewalt geschehen im direkten Umfeld der Betroffenen, etwa durch Ex-Partner*innen. Das heißt: Sie kennen die Täter*innen bereits. In anderen Fällen können Betroffene lange rätseln, wer überhaupt Täter*in ist. Zum Beispiel bei Drohungen und Beleidigungen auf sozialen Medien oder bei nicht-einvernehmlich geteilten Nacktfotos auf Pornoseiten.

HateAid wünscht sich Maßnahmen im Zivilrecht, die es Betroffenen leichter machen, Verdächtige zu identifizieren. Die Organisation will eine „Stärkung der gerichtlichen Auskunftsansprüche“. Damit ist gemeint, dass etwa Plattformen auf Anordnung von Gerichten Details über einen Account herausrücken sollen, der zum Beispiel Beleidigungen verschickt hat. „In der aktuellen gesetzlichen Ausgestaltung sind die Auskunftsansprüche gleichzeitig kostspielig und völlig nutzlos“, kritisiert HateAid.

Das Forderungspapier von „Ein Team“ und weiteren Organisationen warnt jedoch – an dieser Stelle mit Blick aufs Strafrecht – vor Maßnahmen, die Täter*innen aufspüren sollen. Der Grund: Sie können auch die Betroffenen und die Gesamtgesellschaft verletzlicher machen. Deshalb sollten Möglichkeiten erprobt werden, die „keine oder weniger negative Effekte haben“.

Eine konkrete Maßnahme ist die Login-Falle. Das ist ein vom Verein D64 entwickeltes Verfahren, wonach erst auf richterliche Anordnung nach einem Anfangsverdacht für eine Straftat die IP-Adresse eines Verdächtigen übermittelt wird. Eine weitere Maßnahme ist das Quick-Freeze-Verfahren, das vor allem die FDP als Alternative zur invasiven Vorratsdatenspeicherung vorangetrieben hatte.

Auch richterlich angeordnete Account-Sperren könnten Betroffene in bestimmten Fällen entlassen, indem sie potenziellen Täter*innen die Plattform nehmen. Diesen Plan hatte bereits die Ampel gefasst; unter anderem der Deutsche Juristinnenbund fordert es weiterhin.

7. Adressen von Betroffenen besser schützen

Eine besondere Gefahr für Betroffene digitaler Gewalt sind Regelungen zur Anschrift – auch wenn das auf den ersten Blick sehr bürokratisch klingt. Wenn eine Person etwa ein Zivilverfahren wegen digitaler Gewalt anstrengt, muss sie der Regel eine Anschrift angeben, unter der sie zuverlässig erreichbar ist. Das Problem: Entsprechende Unterlagen können auch bei der Gegenseite landen. Auf diese Weise kann es passieren, dass Betroffene ausgerechnet dem Menschen, der sie bedrohen und stalkt, ihre genaue Adresse verraten.

„Die Angabe von c/o-Adressen muss bei der Geltendmachung eigener Rechte ausreichend sein“, fordert der Deutsche Juristinnenbund. Das bekräftigt auch das Forderungspapier von „Ein Team“ und anderen Organisationen: „In zivilrechtlichen Verfahren braucht es Möglichkeiten, die Anonymität Betroffener effektiv zu wahren.“

Ähnlich gelagert ist die Impressumspflicht. Wer in Deutschland eine geschäftsmäßige Website betreibt, muss eine ladungsfähige Anschrift ins Impressum schreiben. Ein Postfach oder eine c/o-Adresse reichen demnach nicht. Gerade Freiberufler*innen haben oftmals eine solche Website, aber keine separate Firmenanschrift – und stehen damit unter erhöhter Gefahr für Stalking. Der Deutsche Juristinnenbund will auch das ändern: Eine Reform der Impressumspflicht ist dem Verein zufolge „dringend notwendig“.

8. Aufklärung und Medienkompetenz ausbauen

Digitale Gewalt ist vor allem ein Fachbegriff aus Wissenschaft, Beratung und Politik. Was das genau ist, wie man sich davor schützen und dagegen wehren kann, das dürften längst nicht alle wissen. „Betroffene brauchen Schulungen, die über ihre Rechte aufklären und leicht auffindbare Wege (online und offline), wo sie sich Hilfe suchen können“, schreibt das Nettz. Ähnlich hält die gemeinnützige Organisation Superrr fest: „Zentral für den Schutz vor Gewalt ist Aufklärung und digitale Kompetenz“.

Die Fachleute von „Ein Team“ und weiteren Organisationen fordern „stärkere Sensibilisierung und Aufklärung der Gesellschaft“. Konkret könnten Bundesministerien die Präventionsarbeit fördern. Der Weisse Ring denkt bei Medienkompetenz nicht nur an Betroffene, sondern an alle. Mit „digitaler Zivilcourage“ könnten Menschen etwa gegen Hassrede vorgehen.

Wissenschaftliche Forschung zu digitaler Gewalt kann einen weiteren Beitrag zur öffentlichen Aufklärung leisten. „Wir brauchen mehr Forschung zu digitaler Gewalt, denn wir wissen immer noch zu wenig über das tatsächliche Ausmaß“, bemängelt das Nettz. Mehr Forschung verlangt etwa auch der Verein Frauenhauskoordinierung.

9. Frauen nicht isoliert betrachten

Viele Formen digitaler Gewalt betreffen Frauen. Das Thema sollte aber nicht darauf reduziert werden, wie mehrere Organisationen betonen. Digitale Gewalt müsse „immer mit weiteren Diskriminierungsformen gemeinsam gedacht werden“, schreibt das Nettz. Betroffen seien potenziell alle. „Menschen mit sichtbarem Migrationshintergrund, junge Frauen oder queere Menschen, die ohnehin diskriminiert werden, jedoch noch mal deutlich mehr.“

Was das konkret bedeuten kann, zeigen Beispiele aus dem Forderungspapier von „Ein Team“ und weiteren Organisationen: „So kann das Veröffentlichen eines Fotos ohne Kopftuch für eine kopftuchtragende muslimische Frau eine extrem gewaltsame Erfahrung sein. Für Menschen mit Behinderung sind manche Tipps zum Schutz vor digitaler Gewalt nicht umsetzbar, weil die Barrieren zu hoch sind. Für Menschen in Armut sind die Kosten zivilrechtlicher Verfahren eine Hürde, die Gegenwehr verhindert.“

Der Verein Frauenhauskoordinierung fordert die „Stärkung von intersektionalen Ansätzen im gesamten Hilfesystem“. Zudem weist der Verein darauf hin, dass Betroffene auch oft Kinder haben, die mitbedacht werden müssten. „Kinder können in die Ausübung digitaler Gewalt hineingezogen oder dafür instrumentalisiert werden“. Die Organisation Superrr wiederum erinnert daran, dass Maßnahmen auch bei der Arbeit mit Täter*innen ansetzen können.

Generell kann Täter*innenarbeit dazu beitragen, dass Menschen Gewalt gar nicht erst ausüben – oder bereits gewaltsame Menschen dabei unterstützen, ihr Verhalten zu überdenken und zu ändern.

10. Internationale Regeln gut umsetzen

Auf Bundesebene ließe sich zumindest ein Teil der Forderungen angehen; einiges betrifft jedoch Länder und Kommunen. Zwei umfassende Regelungen mit direktem Bezug zu digitaler Gewalt sind schon beschlossene Sache. Mindestens an deren Umsetzung wird sich die aktuelle Bundesregierung messen lassen müssen.

Erstens gibt es die sogenannte Istanbul-Konvention des Europarats, die Gewalt gegen Frauen verhüten und bekämpfen soll. Der Europarat ist eine von der EU unabhängige Organisationen mit 46 Mitgliedstaaten. In Deutschland ist die Konvention bereits seit 2018 in Kraft. Der Verein Frauenhauskoordinierung kritisiert: Deutschland habe die Konvention unzulänglich umgesetzt. „Nicht nur fehlen 14.000 Frauenhausplätze, sondern auch eine Gesamtstrategie zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und ein wirksames Risikomanagement gegen Femizide“.

Zweitens gibt es die neue EU-Richtlinie zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen. Die Mitgliedstaaten müssen die Anforderungen bis Juni 2027 in nationales Recht überführen. Neben Vorgaben zur Unterstützung von Betroffenen sieht die Richtlinie auch Schulung und Information von Fachkräften vor – und stellt Regeln auf zur Bekämpfung bildbasierter, sexualisierter Gewalt und Deepfakes. In ihrem Forderungspapier pochen „Ein Team“ und weitere NGOs auf „zügige“ Umsetzung.


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