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Gegen Regulierung: Big Tech steckt so viel Geld in EU-Lobbyarbeit wie noch nie

29. Oktober 2025 um 10:39

EU-Digitalgesetze wie der Digital Services Act sollen Big Tech in Schach halten. Das macht Meta, Microsoft & Co. das Leben schwer. Mit einer mächtigen Lobby arbeiten sie dagegen. Das zeigt eine gemeinsame Analyse von LobbyControl und Corporate Europe Observatory.

Ursula von der Leyen am Rednerpult
Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen rüttelt an den Digitalgesetzen der EU. – Alle Rechte vorbehalten IMAGO/NurPhoto

151 Millionen Euro – so viel war der Digitalindustrie die Lobbyarbeit in Brüssel zuletzt wert. Das ist nicht nur der höchste bisher gemessene Betrag an jährlichen Lobbyausgaben der Branche. Mit ihrer „beispiellosen Finanzkraft“ katapultiert sich die Tech-Branche damit außerdem an die Spitze aller Lobbyakteure in der EU. Das zeigt eine heute veröffentlichte Studie der Nichtregierungsorganisationen LobbyControl und Corporate Europe Observatory (CEO).

Ein Vergleich mit anderen Branchen macht die Dimension deutlich. Der aktuellen Auswertung zufolge lassen sich die zehn größten Tech-Unternehmen ihre Lobbyarbeit gut 48 Millionen Euro kosten, die zehn größten Konzerne der Pharma-, Finanz- oder Automobilindustrie zusammen 42,8 Millionen Euro. „Fünf der sechs größten Lobbyakteure in der EU stammen aus der Tech-Branche“, so die Recherche von LobbyControl und CEO.

Zugleich verfügen die zehn größten IT-Unternehmen auch über die höchsten Budgets für ihre Lobbyarbeit. Demnach stellen sie ein Drittel der gesamten Lobbyausgaben der Tech-Branche. Meta unterhält mit jährlich 10 Millionen Euro die einflussreichste Tech-Lobby in der EU, dicht gefolgt von Microsoft, Amazon und Apple mit je 7 Millionen Euro. Die Gesamtausgaben von 151 Millionen Euro wiederum sind doppelt so hoch wie die aus dem Jahr 2021 und entsprechen einer Steigerung um 33,6 Prozent der Ausgaben im Jahr 2023.

EU-Digitalgesetze im Visier

Der NGO-Bericht kommt zu einer Zeit, in der europäische Digitalregeln zunehmend unter Druck geraten. Um die Macht der Tech-Konzerne einzudämmen, hat die EU in den vergangenen Jahren eine Reihe einschlägiger Gesetze verabschiedet, etwa das Digitale-Dienste-Gesetz (DSA), das Digitale-Märkte-Gesetz (DMA) oder die KI-Verordnung (AI Act). Dagegen wettern nicht nur die oft aus den USA stammenden Konzerne wie Meta, Apple oder Amazon. Sie wissen US-Präsidenten Donald Trump sowie den republikanisch dominierten Kongress im Rücken, die US-amerikanische Interessen über alles stellen.

Gleichwohl beschränkt sich die vermehrte Lobbyarbeit nicht auf die größten Tech-Unternehmen. Seit 2023 kamen in Brüssel eine ganze Reihe neuer Lobby-Gruppen hinzu. So stieg die Zahl von 565 digitalen Unternehmen und Verbänden auf 733 im Jahr 2025, die das Ohr der Kommission und von Abgeordneten suchen.

Damit ist auch die Zahl der Digital-Lobbyist*innen angewachsen, inzwischen übersteigt sie sogar die Anzahl der Abgeordneten im Parlament: Neben den gut 720 Parlamentariern gehen im laufenden Jahr 890 Mitarbeiter*innen der Digitalindustrie in Vollzeit ihrer Arbeit nach. 2023 waren es noch 699. „Von ihnen verfügen 437 über Zugangsausweise, die ihnen nahezu uneingeschränkten Zutritt zum Parlament ermöglichen“, so die Recherche. Ganz vorne mit dabei sind Digital Europe mit 27 Lobbyausweisen, Google mit 16 und Microsoft mit elf. Auch mit Mitarbeiter*innen von Amazon trafen sich EU-Abgeordnete. Dabei waren ihnen im Februar 2024 die Zugangsausweise entzogen worden.

Bis Ende Juni fanden durchschnittlich drei Lobbytreffen mit Mitarbeiter*innen der Digitalindustrie pro Tag statt – mit leitenden Vertreter*innen der Kommission und Europaabgeordneten, so die Autoren der Analyse, Felix Duffy von LobbyControl und Bram Vranken von Corporate Europe Observatory (CEO).

Um die Zahlen zu ermitteln, haben die NGOs unter anderem Daten aus dem EU-Transparenzregister ausgewertet und nutzten zudem das Online-Datentool LobbyFacts.eu von LobbyControl. Alle Anaylsedaten sind in einer öffentlich zugänglichen Datenbank einsehbar.

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Big Techs Lobbyarbeit scheint Wirkung zu zeigen. Von der Leyen arbeitet gerade etwa zusammen mit der Kommission an einem digitalen Omnibus-Paket. Damit will sie Digitalgesetze ändern, um die EU „innovationsfreundlicher“ zu machen. Zudem will sie für Unternehmen Ausnahmen in die Datenschutzgrundverordnung aufnehmen.

Ihre Analyse demonstriere, wie Big Tech europäische Tech-Regulierung systematisch aufweicht, erklärt Felix Duffy von LobbyControl. Große Tech-Konzerne haben zu viel Macht und bedrohen eine „demokratische Digitalpolitik“. Gerade jetzt müsse die EU Digitalregeln konsequent umsetzen, anstatt zu deregulieren, so wie es Ursula von der Leyen tut, so Bram Vranken. „Die Kommission darf sich den mächtigen Konzerninteressen nicht beugen.“


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Studie: Big Tech schreibt sich die KI-Standards selbst

13. Januar 2025 um 17:01

Ursprünglich war der AI Act dazu gedacht, die Grundrechte aller EU-Bürger:innen zu schützen. Nun wird er von Unternehmen ausgehöhlt, sagt die Forschungsgruppe Corporate Europe Observatory. Denn die Unternehmen bestimmen die Normen für KI-Systeme in Gremien massiv mit.

Ein Roboter mit der Aufschrift KI
Von wegen süßer Roboter: Bei den KI-Normen geht es um handfeste Unternehmensinteressen. – Alle Rechte vorbehalten IMAGO

Während der im letzten Sommer in Kraft getretene AI Act die Leitlinien für KI-Systeme vorgibt, sollen Normen und Standards für rechtliche Anforderungen sorgen. Diese werden von den europäischen Normierungsorganisationen CEN und CENELEC entwickelt, sie bilden gemeinsam das Joint Technical Committee on Artificial Intelligence (JTC21). Doch dieses Komitee wird entscheidend von Vertretern von Big-Tech-Unternehmen dominiert, hat eine Recherche von Corporate Europe Observatory (CEO) herausgefunden.

Wie Big Tech dominiert

Laut der Recherche von CEO besteht mehr als die Hälfte des JTC21 aus Vertretern von Firmen oder Beratungsunternehmen. Ein Viertel der Firmenvertreter haben laut der Recherche Verbindungen zu US-Tech-Giganten und auch Vertreter mit Verbindungen zum chinesischen Konzern Huawei sind präsent.

Die Gruppe der „Berater“ verstärke den Einfluss von Unternehmen deutlich, so CEO. Es gibt laut der Recherche wenig Transparenz darüber, in wessen Auftrag sie handeln, dabei vertreten die scheinbar unabhängigen Experten regelmäßig identische Meinungen wie die Unternehmensvertreter:innen. Bei kritischer Betrachtung werde deutlich, dass sie scheinbar von den gleichen Big-Tech-Unternehmen beauftragt seien.

Kuchendiagramm: 38% Corporate, 17% Consultant, 16% Academia, 13% Government, 9% Civil Society, 6% Standards Body
JTC21-Mitglieder nach Sektor aufgeteilt. - Alle Rechte vorbehalten Corporate Europe Observatory

Zivilgesellschaftliche Organisationen repräsentieren lediglich neun Prozent der Mitglieder beim JTC21. Sie beklagen ungenügende Mittel und logistische Schwierigkeiten, welche die Teilnahme an Treffen erschweren. Da Big-Tech-Unternehmen Niederlassungen in mehreren europäischen Ländern haben, können sie die Verhandlungen außerdem auf mehreren Landesebenen gleichzeitig steuern und so ihren Einfluss vervielfachen.

Big Tech drängt laut der Recherche darauf, internationale Normen auch auf europäischer Ebene zu übernehmen, obwohl diese oft weniger streng sind als der AI Act es vorsieht. Oft sind sie bereits an internen Standards von Unternehmen orientiert, die die Normen auf internationaler Ebene mitgeschrieben haben. Für eine besonders wichtige Technologie, General Purpose AI, soll es außerdem keine Standards, sondern lediglich einen „Code Of Practice“ geben. Die Umsetzung dieses Codes ist freiwillig und soll von nationalen Behörden und Providern dieser Technologien verfasst werden. Anderen Interessengruppen kommt allein eine unterstützende Aufgabe zu.

Kritik aus der Zivilgesellschaft

Traditionell werden Standards für technische Belange wie zum Beispiel die Sicherheit von Maschinen oder die Grenzwerte von bestimmten Stoffen in Spielzeugen eingesetzt. KI-Systeme haben jedoch auch weitreichende soziale Auswirkungen. Es ist das erste Mal, dass Normen benutzt werden, um fundamentale Rechte, Fairness und Transparenz zu messen.

Bram Vranken von Corporate Europe Observatory kritisiert die Entscheidung der EU, technische Standards zu benutzen: „Dieser undurchsichtige Prozess wird von Unternehmensinteressen dominiert und ist für die Zivilgesellschaft nur schwer zu beeinflussen. Big Tech legt effektiv seine eigenen Regeln für KI-Standards fest und gibt weniger strengen und letztlich schwer durchsetzbaren Regeln Vorrang vor dem öffentlichen Interesse und Grundrechten.“

Dem Ada Lovelace Institut zufolge sind auch die Leitlinien im AI Act oft mehrdeutig formuliert. Nach Artikel 9 muss ein Hoch-Risiko-KI-System nach einer Risiko-Mitigation ein „akzeptables“ Risiko für Grundrechte, Gesundheit und Sicherheit stellen. Doch was heißt das eigentlich?

Normen sind deshalb entscheidend, um beispielsweise festzulegen, wie viel Bias ein System haben kann oder ob ein Datensatz repräsentativ genug ist. Oft fokussieren sich die Standards aber darauf, ob bestimmte Prozesse eingehalten wurden, anstatt auf das Erreichen eines bestimmten Ergebnisses. Das Problem hierbei ist, dass trotz des Einhaltens eines Prozesses, das daraus resultierende KI-System unausgewogen oder unsicher sein kann. Vor dem Hintergrund wird deutlich, dass Standards und Normen ungeeignet erscheinen, wenn Grundrechte auf dem Spiel stehen – insbesondere wenn Big-Tech-Unternehmen mitmischen.


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